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Kaum habe ich meinen Beitrag zum Thema Eurokrise vollendet, übertrifft Spiegel Online mal wieder alle Erwartungen und wartet mit einem extrem kritischen Artikel auf, dessen Recherche bestimmt 3 Minuten gedauert hat. Reformstau: EU droht Griechenland mit Zahlungsstopp, lautet der Titel des Beitrags. Und schon der ist eine Frechheit – man fragt sich wirklich, aus welcher Mottenkiste der Redakteur das Wort „Reformstau“ geholt hat, diese Lieblingsvokabel aller Privatisierer, Deregulierer und Befürworter eines „schlanken Staates“. Und genau darum geht es auch im Artikel – Griechenland soll privatisieren, privatisieren und nochmals privatisieren, weil die bisherigen „Reformen“ nicht weit genug gingen – die Sparziele wurden nicht erreicht.

Dieses Faktum garniert Spiegel Online mit seinen eigenen, messerscharfen Schlussfolgerungen:
Das Expertenteam von Europäischer Zentralbank, IWF und EU-Kommission, das den wirtschafts- und finanzpolitischen Zustand Griechenlands untersucht, kommt nach Informationen des SPIEGEL in seinem vierteljährlichen Bericht zu einem alarmierenden Befund: Griechenland verfehle alle verabredeten fiskalischen Ziele, stellt die sogenannte Troika in ihrem Report, der nächste Woche vorgelegt werden soll, fest. Das Defizit im Staatshaushalt falle höher aus als erwartet.
Grund dafür ist, dass die griechische Regierung noch immer mehr ausgibt, als im Hilfsprogramm vereinbart. Zudem bleiben die Steuereinnahmen hinter den Vorgaben zurück.

Aha – Griechenland verfehlt seine Sparziele, weil Griechenland seine Sparziele sowohl bei den Ausgaben als auch bei den Einnahmen verfehlt. Diese Intelligenz! Einfach berauschend.
Nachdem also die Ursache des ganzen Problems ausreichend beleuchtet wurde, kann man sich der Lösung zuwenden. Und die lautet: die Dosis erhöhen. Will heißen: Mehr privatisieren, mehr Steuern erhöhen, mehr Ausgaben kürzen.

Als Gegenmaßnahme schlagen die Experten der griechischen Regierung vor, ihre Einnahmen zu verbessern. So soll sie die Steuern weiter erhöhen und sicherstellen, dass sie auch tatsächlich eingezogen werden. Darüber hinaus fordert die Troika die Regierung von Ministerpräsident Georgios Papandreou auf, ihren Privatisierungskurs zu forcieren. Es ließe sich leicht mehr an Staatsbesitz verkaufen als die zugesagten 50 Milliarden Euro. Die Fachleute stellten fest, dass der griechische Staat Grundstücke, Unternehmen und sonstiges Eigentum im Wert von rund 300 Milliarden Euro besitzt.

Genau, die sollen mal ihren ganzen Besitz verkaufen. Privatisierungen sind zwar auf längere Sicht fast immer Verlustgeschäfte für den Staat, aber wen interessiert das schon. Schließlich lechzt das deutsche Kapital schon nach neuen billigen, aber renditeträchtigen Anlagemöglichkeiten in Griechenland (z.B. will die Fraport in den Athener Flughafen investieren, die Telekom will ihre Anteile an der – noch – teilstaatlichen griechischen Telekommunikationsgesellschaft OTE erhöhen usw.).

Es ließe sich leicht mehr an Staatsbesitz verkaufen als die zugesagten 50 Milliarden Euro. Die Fachleute stellten fest, dass der griechische Staat Grundstücke, Unternehmen und sonstiges Eigentum im Wert von rund 300 Milliarden Euro besitzt.

50 Milliarden Euro – das ist schon eine unvorstellbare Menge Geld, die Griechenland da allein aus Privatisierungen beziehen soll (zum Vergleich: die gesamten Staatsschulden Griechenlands betrugen 2010 rund 330 Mrd. €). Und da fordern diese „Experten“, man solle eben noch etwas drauflegen, wenn man ihre sehr durchdachten Sparpläne verfehlt habe. Die Tatsache, dass der Staat Vermögen im Wert von 300 Milliarden hat, heißt ja auch, dass man das alles sofort verschleudern kann und muss.

Dabei sind die Einnahmenausfälle bei den Steuern ja keineswegs vom Himmel gefallen, sondern Folge der Rezession, die unter anderem durch die Sparprogramme ja erst ausgelöst wurde. Ein Staat ist eben kein Unternehmen, bei dem man Ausgaben kürzt, Einnahmen erhöht und schon ist der Sparkurs perfekt. Der Staat muss nämlich immer berücksichtigen, welche Effekte seine Maßnahmen auf die gesamte Volkswirtschaft haben – und wenn die Bürger und/oder Unternehmen danach weniger Geld in der Tasche haben, sinken eben Konsum und Investitionen und damit auch wieder die Steuereinnahmen. Das heißt natürlich nicht, dass jeder Konsolidierungskurs an sich nichtig wäre, aber man muss eben vorher nachdenken, was man tut.
Den Verfechter des radikalen Sparens stört das alles aber nicht, denn für ihn sind die Investitionen eine Frage des Vertrauens. Der Unternehmer investiert also seiner Meinung nach nicht, wenn er hofft, Gewinne zu machen, sondern wenn der Staat den guten Willen signalisiert, sein Defizit zu reduzieren.
Das Problem dabei: „Gut“ ist bekanntlich das Gegenteil von „gut gemeint“. Und weil die Realität eben doch eher so aussieht, dass die Bürger nur dann konsumieren, wenn sie Geld haben, und die Unternehmer nur dann investieren, wenn sie die berechtigte Hoffnung haben, Gewinne zu machen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit -, scheitert der Sparkurs.
Statt nun seinen Irrtum einzugestehen, macht der „Reformer“ das, was er sonst gerne den Kommunisten vorwirft: Er trennt die Idee von der Ausführung. Behauptet schlicht, der Sparkurs sei eben nicht radikal genug gewesen, die Strukturen seien immer noch zu „verkrustet“, der Staat zu fett, die Märkte nicht frei genug. Und verordnet dementsprechend die Erhöhung der Dosis: Mehr Privatisierung wagen.
Dass der Fehler bereits in der Idee stecken könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn; schließlich ist sein Modell ökonomisch unfehlbar.

Spiegel Online indes, das größte Sparmagazin aller Zeiten, plappert alles fleißig nach und huldigt der reinen Reformlehre. Und wundert sich darüber, dass

immer mehr Griechen ihre Sparguthaben von heimischen Konten abziehen.

Welch ein Wunder! Die meisten Medien – Spiegel Online vorneweg – spekulieren darüber, ob Griechenland einen Euro-Austritt plant, und den blöden Griechen fällt tatsächlich nichts besseres ein als das wörtlich zu nehmen und ihre Spareinlagen in Sicherheit zu bringen! Die Welt ist voller Rätsel…

Das Thema „Eurokrise“ ist wegen der von den Finanzministern der Eurozone beschlossenen Hilfen für Griechenland wieder groß in den Medien. Und wie immer hat alles und jeder eine Meinung dazu. Griechenland muss raus aus dem Euro, sagen die einen. Umschuldung, sagen die anderen. Aber eine wirkliche Lösung des Problems hat niemand zu bieten. Eine Übersicht über alle Vorschläge.

  1. Austritt Griechenlands aus dem Euro
    Dieser wird von der Bildzeitung propagiert. Dennoch haben die meisten Menschen und auch der Großteil der Medien verstanden, dass das – Achtung, Wortspiel! – Blöd-Sinn ist. Wenn Griechenland die Drachme wieder einführen würde, würde diese sofort massiv abwerten (d.h. billiger werden im Vergleich zum Euro). Damit würden sich erstens die griechischen Schulden (die ja in Euro notiert sind!) potenzieren, und zweitens würden sehr viele Griechen sofort all ihr Vermögen in Euro anlegen. Das griechische Bankensystem wäre am Ende, und das Vertrauen in die neue Währung könnte nicht wiederhergestellt werden.
    Nicht zuletzt würde der Euro-Austritt auch eine äußerst gefährliche Kettenreaktion in Gang setzen, in deren Verlauf weitere Staaten (Irland, Portugal, …) aus dem Euro ausscheiden würden, was für die Währungsunion selbstverständlich katastrophale Auswirkungen hätte.
    Außerdem wäre der Austritt Griechenlands aus dem Euro nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch ein Supergau. Eine gemeinsame Währung war der konsequente letzte Schritt auf dem langen, steinigen Weg der europäischen Integration. Europa kann es sich schlicht nicht leisten, hier wegen ökonomischer Inkompetenz um Meilen zurückgeworfen zu werden.
    Fazit: Diese „Lösung“, die eine Katastrophe nach sich zöge, mag aus nationalistischen Gründen („haut ab, ihr faulen, dummen Griechen“) populär sein; eine ernsthafte Alternative stellt sie nicht dar.
  2. Schuldenschnitt (Haircut)
    Ein Schuldenschnitt, nicht selten auch verniedlichend „Haircut“ genannt, würde bedeuten, dass Griechenland fällige Zahlungen einstellte und sich formal für insolvent erklärte. Der griechische Staat würde sich dann mit den Gläubigern „an einen Tisch setzen“ und über einen partiellen Verzicht auf Forderungen verhandeln. Auf den ersten Blick ist dies die optimale Lösung der Krise: Griechenland wäre sofort einen Teil seiner Schulden los und könnte wieder anständig wirtschaften. Außerdem würden die Gläubiger an der Finanzierung der Krise beteiligt.
    Gläubigerbeteiligung, das klingt nicht nur ökonomisch vernünftig, sondern vor allem auch sozial gerecht. Endlich müssten die bösen „Spekulanten“ zahlen für das, was sie angerichtet haben. Endlich würde eine Krise auch mal die treffen, die eigentlich schuld sind, und nicht den Steuerzahler.
    Die Frage ist, ob die Menschen, die das jetzt fordern, auch noch dafür plädieren, wenn sie erfahren, dass zu „den Spekulanten“ ihre Bank gehört, bei denen sie ihre Spareinlagen haben (die vom Steuerzahler gerettet werden müssen). Oder ihre private Rentenversicherung. Oder gar eine staatliche Bank, für die letztlich wieder der Steuerzahler aufkommen muss. Oder die Europäische Zentralbank, an deren Kapital Deutschland ein Viertel hält.
    Bei den deutschen Banken und Versicherungen liegen aber noch nicht einmal die größten Risiken. Griechenland ist größtenteils im eigenen Land verschuldet, und ein Haircut würde im schlimmsten Fall in einem Zusammenbruch des griechischen Bankensystems enden. Außerdem würde er genau das falsche Signal an „die Märkte“ aussenden, nämlich dass nichts mehr sicher ist und dass Europa, wenn es denn einmal hart auf hart kommt, nicht für seine Staaten bürgt. Damit wären die nächsten Zinsaufschläge programmiert, denn das Vertrauen in europäische Staatsanleihen wäre damit natürlich komplett zerstört. Irland und Portugal würden sich freuen, und auch das wäre nicht das Ende – Spanien, Italien und Belgien lassen grüßen. Auch hier würde sich die Krise wie ein Flächenbrand auf die gesamte Eurozone übertragen.
    Übrigens wären in diesem Fall wahrscheinlich nicht nur die Krisenländer betroffen – auch fiskalisch eher solide Länder wie Deutschland müssten sich Zinsaufschläge gefasst machen. Das sei all jenen gesagt, die bezogen auf Eurobonds (s.u.) immer über dann höhere Zinsen jammern.
    Trotz all dieser Nachteile beschwören fast alle Medien die alternativlose Alternativlosigkeit dieser Herangehensweise, und wer über Alternativen nachdenkt, hat schon verloren. Zum Beispiel meinte auch die eigentlich als linksliberal geltende Süddeutsche Zeitung, mit gleich mehreren Artikeln in das Umschuldungsgeschrei einstimmen zu müssen und brachte so tolle Argumente wie das folgende:

    „In Griechenland wäre die politische Akzeptanz für harte Reformen größer, wenn auch die Gläubiger ein Opfer bringen würden“, sagt Bernd Rudolph, Professor an der LMU in München. „Es wäre für alle ein Neuanfang.“

Welch ein grandioser Schwachsinn! Der Schuldenschnitt als Mittel zur Durchsetzung unsozialer und ökonomisch falscher Reformen – das hätten manche Leute wohl gerne. Unter dem Niveau der Süddeutschen liegt solches Gerede aber allemal.
Fazit: Die Folgen eines Schuldenschnitts wären zwar nicht ganz so katastrophal wie die eines Euroaustritts Griechenlands, aber in Bezug auf die Resonanz in der Bevölkerung halte ich ersteren für weit gefährlicher, weil er nach sozialer Gerechtigkeit und Beteiligung des Finanzsektors klingt und daher (natürlich auch aufgrund der massiven Medienpropaganda) populär ist.

  • Sanfte Umschuldung
    Die sogenannte sanfte Umschuldung ist einfach nur die Verlängerung der Laufzeiten der von IWF (Internationaler Währungsfonds) und EU gewährten Kredite.
    Diese Methode bringt Griechenland wenig, weil mit ihr letztlich keine Verringerung der Schuldenlast einhergeht – aufgeschoben ist aber bekanntlich nicht aufgehoben.
    Dennoch wäre es gut, etwas Zeit zu gewinnen, könnte man argumentieren. Leider wird das durch den Nachteil des Vertrauensverlustes mehr als aufgewogen, denn „die Märkte“ würden – vollkommen zurecht – annehmen, die sanfte Umschuldung diene nur der Vorbereitung eines „echten“ Schuldenschnittes und entsprechend reagieren.
    Fazit: Wollte man den Ansatz „Umschuldung light“ kurz zusammenfassen, könnte man sagen: Bringt nix, zerstört das Vertrauen und ist der erste Schritt zum Schuldenschnitt.
  • Weiter so
    Die Alternative „weitermachen wie bisher“ ist eigentlich keine, dennoch möchte ich sie kurz erwähnen: Dann nämlich würden mit der Zeit alle Probleme verstaatlicht und der Steuerzahler würde auf den Risiken der griechischen Staatsanleihen sitzen bleiben. Weiterhin würde Griechenland zu 31 weiteren „Sparpaketen“ verdonnert, die geradewegs in die Depression und Deflation führen würden.
    Fazit: Wie gesagt, keine echte Alternative.
  • Euro-Anleihen
    Die Euro-Anleihen oder Eurobonds wären Staatsanleihen, die von allen Euroländern gemeinsam emittiert würden. Der Vorteil dieses Ansatzes ist, dass die Zinslast für angeschlagene Länder wie Griechenland auf einen Schlag reduziert werden könnte, da man davon ausgehen kann, dass sich der Zinssatz für die Eurobonds ungefähr auf dem (gewichteten) durchschnittlichen Zinssatz der jetzigen Staatsanleihen einpendeln würde. Vermutlich läge er sogar etwas darunter, weil die Tatsache, dass die gesamte Eurozone gemeinsam für diese Anleihen bürgen würde, hohe Risikoaufschläge überflüssig machen würde (wie wahrscheinlich ist es, dass die gesamte Eurozone pleite geht?). Das Motto wäre quasi „einer für alle – alle für einen“.
    Dieser Vorteil ist aber gleichzeitig auch der Hauptkritikpunkt, denn Länder mit im Moment unterdurchschnittlichen Zinsen auf Staatsanleihen (wie Deutschland) würden natürlich entsprechend belastet. Die Eurobonds würden in eine „Transferunion“ (ein vielbemühtes Schlagwort) führen, so die Ansicht der Kritiker. Meine Meinung dazu ist: Mit den Krediten an Griechenland (die zwar bisher kräftig Zinsen abwerfen, aber bei einem Haircut wäre ein Teil des Geldes natürlich weg) befinden wir uns bereits mitten in einer Transferunion; und diese ist – zumindest wenn wir bei den Leistungsbilanzen (s.u.) so weitermachen wie bisher – auch unausweichlich. Der Unterschied ist, dass bei den Eurobonds in Kombination mit einer kooperativen Wirtschaftspolitik alle profitieren würden, während bei dem Schuldenschnitt ein schwer bis gar nicht einzudämmender Flächenbrand einträte. Das gewerkschaftsnahe Wirtschaftsforschungsinstitut IMK hat errechnet, dass Eurobonds für den deutschen Steuerzahler günstiger wären als eine Umschuldung.
    Fazit: Die Euro-Anleihen sind vermutlich die beste Möglichkeit für Griechenland, kurzfristig die Zinsen zu senken. Zahlen muss Deutschland so oder so – aber wenigstens eine neue Finanzkrise und ein völliger Zusammenbruch der griechischen Wirtschaft ließe sich so vermeiden.

 

Egal für welche dieser Alternativen unsere Regierenden sich entscheiden – eines ist unausweichlich und wird dennoch nicht durchgeführt werden: die Reduktion der gigantischen deutschen Leistungsbilanzüberschüsse (vereinfacht gesagt, die Gütermenge, die Deutschland mehr exportiert als importiert; 2010 waren es ca. 130 Mrd. €), die spiegelbildlich zu den Defiziten der angeschlagenen Länder sind, die wiederum weit mehr Güter importieren als exportieren. Das führt dazu, dass deren Volkswirtschaften als Ganzes (also staatlicher und privater Sektor) sich mehr und mehr beim Ausland (eben u.a. bei Deutschland) verschulden.
Diese deutschen Leistungsbilanzüberschüsse sind aber keineswegs vom Himmel gefallen, sondern sie sind das Ergebnis des politisch gewollten Lohndumpings, welches Deutschland zum angeblichen Zweck der Schaffung von Arbeit in den vergangen Jahren betrieb. Was immer behauptet wird, dass nämlich die Schuldenländer über ihre Verhältnisse gelebt haben, ist richtig; spiegelbildlich dazu stimmt aber auch – und das wird sehr gerne verschwiegen -, dass Deutschland massiv unter seinen Verhältnissen gelebt hat. Das ist natürlich nicht nur ökonomisch sowohl für Deutschland als auch für die anderen Länder problematisch, sondern vor allem auch sehr unsozial. Wenn das ganze Geld, das Deutschland so angehäuft hat, aber nicht bei den Arbeitnehmern angekommen ist – und die seit Jahren stagnierenden Reallöhne zeigen das sehr deutlich -, wo ist es dann? Geld kann man nicht vernichten; und wer einen Blick auf die Entwicklung der Unternehmens- und Vermögenseinkommen in den vergangenen Jahren wirft, sieht auf den ersten Blick, wohin das Geld geflossen ist.
Wie aber können diese ökonomischen Ungleichgewichte nun möglichst effizient abgebaut werden? Klar, die Löhne – genauer gesagt, die Lohnstückkosten – müssen in Deutschland schneller und in den Defizitländern langsamer wachsen als im EU-Durchschnitt – freiwillig wird das jedoch wahrscheinlich keine der beiden Seiten akzeptieren. Dass unsere derzeitige Bundesregierung kein Interesse daran hat, die Arbeitnehmer angemessen an unserem Wohlstand zu beteiligen, ist offenkundig; und die Arbeitnehmer in den Defizitländern werden über langsame Lohnsteigerungen auch nicht gerade glücklich sein. Allerdings sind diese Maßnahmen notwendig, wenn nach der Bewältigung der jetzigen keine weitere Eurokrise entstehen soll. Symptome kurieren ist schön und gut, aber wenn es an die Ursachen geht, kneift ein Großteil unserer Politikerinnen und Politiker gerne mal – siehe Finanzkrise 2008. Auch dort waren sie mit Banken-Rettungsschirm und Konjunkturprogramm ganz schnell, aber als es ans Eingemachte gehen sollte – Regulierung der Finanzmärkte – da geschah plötzlich nur noch ganz wenig.
Es müssen also Zwangsmaßnahmen mit Sanktionsmechanismus her. Solche gibt es in der Eurozone auch schon – allerdings konzentrieren sich diese einseitig auf die Haushaltslage. Wenn ein Euroland ohne triftigen Grund (Wirtschaftskrise oder anderes außergewöhnliches Ereignis) gegen die Kriterien des sogenannten Stabilitäts- und Wachstumspakts (Verschuldung < 60% und Haushaltsdefizit < 3% des BIP) verstößt, können ihm Geldstrafen und andere Sanktionen auferlegt werden. Würde man ebendiesen Stabilitäts- und Wachstumspakt so erweitern, dass auch auf Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite Sanktionen folgen könnten, wäre schon viel gewonnen. Auch hier könnte man Geldstrafen verlangen; wichtiger wäre aber, dass verbindlich Maßnahmen ergriffen würden, die eine Reduktion der Ungleichgewichte herbeiführen. Im Fall eines hohen Leistungsbilanzüberschusses (wie in Deutschland) wären dies beispielsweise Lohnerhöhungen (z.B. durch einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn in angemessener Höhe), Erhöhung der Sozialleistungen und Ähnliches. (Diese Maßnahmen haben übrigens den Vorteil, dass sie nicht nur aus Gründen der wirtschaftlichen Vernunft, sondern auch der sozialen Gerechtigkeit dringend geboten sind.)
Die Linksfraktion im Bundestag hat übrigens DIE BÖSEN KOMMUNISTEN™ haben übrigens am Donnerstag einen Antrag im Bundestag eingebracht, der genau darauf zielt. Aber mit denen darf man ja sowieso nicht reden. Alles Stasi-Kader, Mauerliebhaber und DDR-Nostalgiker. Tja.

Nein, es ist sicher nichts Gravierendes, wenn eine Online-Zeitung einmal bei einer Überschrift daneben greift. Davon geht die Welt nicht unter.
Aber es sind oft kleine Unstimmigkeiten, die einem begegnen, wenn man sich in der deutschen Medienlandschaft umsieht. Jede für sich mag unbedeutend erscheinen; insgesamt ergeben sie jedoch nicht selten ein völlig verzerrtes Bild der Realität.
Eben fand ich einen Bericht in der Welt (eine Zeitung des Springer-Verlags, der auch die Bildzeitung herausgibt) über die Gülen-Bewegung. Ich empfehle sehr, ihn zu lesen – er berichtet in einer für Welt Online erstaunlich liberalen Weise über eine islamische Bewegung, die sich dem interkulturellen Dialog verschrieben hat.
Das Einzige, was mich an dem Bericht störte, war die Überschrift:

„Islam-Bewegung breitet sich in Deutschland aus: Ist sie eine gefährliche Geheimorganisation? Die Gülen-Bewegung besitzt ein Medien-Imperium, eine Bank und Universitäten. In Deutschland betreibt sie bereits zwölf Schulen.“

Und noch einmal Satz für Satz:
„Islam-Bewegung breitet sich in Deutschland aus“ – Ausbreitung, das klingt gefährlich, nach Verdrängung und nach bösen Absichten. Wenn sich etwas „ausbreitet“, dann ist es selten positiv, meistens ist es etwas Ungewünschtes, ein Fremdkörper, eine Art Geschwür. Und dann noch in Deutschland, hier, in „unserem“ Staat. Was maßt sich diese „Islam-Bewegung“ eigentlich an?
Ich übertreibe jetzt bewusst, aber der Leser sieht den ersten Satz und bekommt sofort eine Meinung präsentiert, nicht „offiziell“ zwar, aber allein die Wortwahl ist ein mächtiges Instrument zur Manipulation. Der Leser wird den Artikel jetzt sicher aus dieser Perspektive lesen und auf gefährliche Elemente achten, erst recht nach den nächsten Sätzen. Bevor ich mich diesen zuwende, möchte ich allerdings noch auf das Wort „Islam-Bewegung“ aufmerksam machen. Vielleicht überreagiere ich, aber meiner Meinung nach klingt diese Wortverkettung mit Bindestrich nicht nur sprachlich etwas unschön. Warum nicht „islamische Bewegung“?
Gut, genug der Haarspalterei. „Ist sie eine gefährliche Geheimorganisation?“ Das ist ganz offensichtlich eine rhetorische Frage, und nach dem Lesen des Berichts bin ich jedenfalls geneigt, sie mit „nein“ zu beantworten. Rhetorische Fragen dieser Art schreien aber immer nach einem „ja“ und suggerieren damit, eine Art vorgezogenes Fazit zu sein.

Die Gülen-Bewegung besitzt ein Medien-Imperium, eine Bank und Universitäten.“

Wie bitte? Ein Medien-Imperium? Und das aus der Feder der „Welt“, die bekanntlich eine Zeitung der Axel Springer AG ist? Aber diese besitzt natürlich kein „Medien-Imperium“? Wir haben überhaupt keine unter anderem (aber nicht ausschließlich) von Springer herbeigeführte neoliberale Dominanz in der deutschen Medienlandschaft, sondern – eine islamische, oder gar islamistische? Interessant. Allein schon der Begriff „Imperium“ ist so unglaublich lächerlich, dass man ihn eigentlich gar nicht kommentieren muss.
Abgesehen davon interessiert es mich, wie eine ganz und gar informelle Bewegung eigentlich eine Bank und Universitäten „besitzen“ soll. Aber Hauptsache Panikmache – wir haben ja auch keine größeren Probleme in Deutschland als die alles überragende Macht eines islamischen Imperiums.

„In Deutschland betreibt sie bereits zwölf Schulen.“

Schulen?! Jetzt infiltrieren „die“ auch noch „unsere“ Kinder mit ihrer islamistischen Propaganda! Hilfe!
Im Artikel wird dann auch Necla Kelek zitiert, die die Bewegung als gefährliche „Geheimorganisation“ einstuft; letztlich kommt er aber dennoch zu dem Schluss, dass die Bewegung den interkulturellen Dialog fördert und keine große Gefahr darstellt.
Schön, liebe „Welt“-Redakteure, was aber soll dann diese Überschrift? Ist euch etwa nicht bekannt, dass viele Schnellleser vor allem die Überschriften und Kurzzusammenfassungen lesen und dass der Artikel nach dem Lesen solch einer Überschrift aus einer ganz bestimmten Perspektive betrachtet wird? Oder ist es euch gerade bekannt und das ganze war Absicht? Ohne irgendjemandem etwas unterstellen zu wollen – merkwürdig ist es schon, oder etwa nicht?
Die Kommentatoren erwecken dann auch den Anschein, nur die Titelzeile gelesen zu haben – Beiträge wie „Das kann ja heiter werden in der Zukunft in Deutschland“ oder Wir dulden das, weil unsere gleichgeschaltete, linksorientierte Politikerklasse es zulässt! Die Medien machen fleißig mit! Deutschland braucht Die Freiheit, sonst schafften wir es ab“ sind einschlägig und zeichnen sich dadurch aus, dass sie erstens überhaupt nichts mit dem Thema zu tun haben und zweitens typisch antiislamisch sind. Dazu passt auch, dass prompt Twitter-Reaktionen von Usern wie „Stop Linkstrend“, „thilosarrazinfb“ oder den Düsseldorfer Republikanern kamen. Welt Online ist sich offenbar nicht zu schade, solche Stimmungen zu fördern.
Springer halt.

„Alterung der Gesellschaft – Wirtschaftsweise fordern Rente mit 69“, titelt Spiegel Online heute:


„Bald sollen die Deutschen noch länger arbeiten: Die Wirtschaftsweisen plädieren dafür, das Renteneintrittsalter bis 2060 auf 69 zu erhöhen. Anders ist der demografische Wandel aus ihrer Sicht nicht zu bewältigen.“


Bis 2060, aha. Alles klar. Diese sogenannten Wirtschaftsweisen wissen also schon genau, wie die deutsche Bevölkerungsstruktur dann aussehen wird. 2060, das ist in fast 50 Jahren. Ist das eigentlich seriös?

Man stelle sich mal vor, dieselben Kaffeesatzleser Statistiker, die heute so locker Prognosen für die nächsten 50 Jahre abgeben, hätten dies im Jahre 1900 getan. Sie hätten schlicht und einfach zwei Weltkriege „übersehen“. Wie genau wäre wohl solch eine Vorhersage gewesen?


Halt, sagen da die kritisch Mitdenkenden. In unserem Land gab es seit über 60 Jahren keinen Krieg mehr und es erscheint auch unwahrscheinlich, dass es mittelfristig einen weiteren geben wird. Die Bevölkerungsstruktur müsste sich also heute stetiger entwickeln als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.


Nun gut – wir hoffen, dass sie recht haben mit ihrer Vermutung über die Häufigkeit von Kriegen in Deutschland. Derweil versetzen wir uns in die Rolle eines Beobachters im Jahr 1950, der die demographische Entwicklung bis 2000 voraussagen will. Er übersieht keine Kriege, die die deutsche Bevölkerung hätten dezimieren können. Also optimale Voraussetzungen für eine gute Prognose? Mitnichten. Der Statistiker hätte die Antibabypille, die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und damit den „Geburtenknick“ übersehen, außerdem den Zuzug von mehreren Millionen Migranten und die Wiedervereinigung.


Schon die Basis  aller dieser Berechnungen – die Demographieprognose – ist also zumindest sehr fragwürdig. Das ist aber nicht das einzige Problem dieser alle paar Monate auftauchenden Forderungen nach Rente mit 67, 69, 70, 73:

  • Die Politik könnte die demographische Entwicklung durch familien- bzw. kinderfreundliche Politik selbst beeinflussen, wenn sie denn wollte. (Aber bitte nicht die sarrazinistische ausschließliche Förderung von Akademikerinnen zur angeblichen Steigerung des durchschnittlichen Intelligenzquotienten der Bevölkerung.)
  • Die arbeitende Bevölkerung muss ja durch ihre Sozialversicherungsbeiträge nicht nur die Senioren mittragen, sondern auch die Kinder und Jugendlichen. Deren Anteil aber wird zurückgehen, während der der älteren Bevölkerung steigt (allerdings nicht im selben Maße).
  • Zur Not wären auch Beitragserhöhungen möglich. Sie sind zwar nicht wünschenswert, aber besser als faktische Rentenkürzungen, wie die Rente mit 67 eine darstellt.
  • Wenn die Subventionierung von (Niedriglohn-)Leiharbeit und anderen nicht sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen aufhörte, gäbe es mehr Beitragszahler. Das wird von der Politik aber nicht gewollt, weil unsichere und schlecht bezahlte Arbeitsplätze den Unternehmen billige Arbeit verschaffen die Beschäftigung fördern.
  • Nicht nur die demographische Entwicklung lässt sich auf 50 Jahre schwer bis gar nicht vorhersagen, sondern auch die wirtschaftliche. Je nachdem, wie stark die Produktivität steigt, lässt sich der Rückgang der erwerbsfähigen Personen im Vergleich zu den Rentnern sehr gut abfedern.
  • Das gilt allerdings nur, wenn die Reallöhne gemäß der Produktivität steigen. Das wird von der Politik aber nicht gewollt, weil Hungerlöhne den Unternehmen billige Arbeit verschaffen die Beschäftigung fördern.

Es gibt also mehr als genug Gestaltungspielraum für die Politik, die Alterung der Gesellschaft zu bewältigen. Stattdessen wird ein höheres Renteneinstiegsalter bevorzugt. Aber ist es nicht auch legitim, dass die Leute etwas länger arbeiten, wenn sie länger leben?

  • Heute sind nur 40% der Menschen zwischen 55 (!) und 64 überhaupt berufstätig. Solange dieser Anteil nicht wesentlich angehoben werden kann (was jedenfalls mit ökonomisch falscher und unsozialer Politik nicht gelingen wird), ist die Rente mit 67/69/70/73 eine faktische Rentenkürzung.
  • Menschen, die körperlich hart arbeiten (und meist zu niedrigen Löhnen), trifft das doppelt. Sie haben eine geringere Lebenserwartung als der Durchschnitt und beziehen daher nicht so lange Rente.
  • Das erhöhte Renteneintrittsalter ist nur ein Versuch, Symptome zu kurieren. Die Ursache für eventuelle Finanzierungsschwierigkeiten in der Rentenversicherung – der Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung durch Arbeitslosigkeit, Leiharbeit usw. – wird nicht einmal berührt.

Zuletzt: Wenn es so viele gute Argumente gegen die Rente mit 67/69/70/73 gibt, warum wird sie dann von gewissen Leuten (jedes Mal mit großem Medienecho) immer und immer wieder gefördert? Cui bono?


Die Antwort: Weil das erhöhte Rentenalter – wie oben ausgeführt – eine faktische Rentenkürzung darstellt, müssen sich die zukünftigen Rentner – und das wird von vielen Befürwortern auch ganz unverfroren gefordert – ihr bescheidenes Einkommen mit privater Altersvorsorge aufbessern. Und davon profitiert die Finanz- und Versicherungswirtschaft. Um es mit den Worten von Carsten Maschmeyer, der – wie unlängst bekannt wurde – 1998 auch Gerhard Schröders Wahlkampf gesponsert hat, zu sagen (bezogen auf die Versicherungswirtschaft):

„Wir stehen vor dem größten Boom, den unsere Branche je erlebt hat. Es ist so, als wenn wir auf einer Ölquelle sitzen. Sie ist angebohrt, sie ist riesig groß, und sie wird sprudeln.“

Carsten Maschmeyer, der mit seinem Finanzunternehmen AWD massenhaft Kleinanleger betrogen hat, ist übrigens ein guter Freund unseres Bundespräsidenten Christian Wulff.

Und zwar beim Bundesparteitag der FDP:

Es ist schon echt putzig, wer da so herumläuft.

Neben den vier großen Stromversorgern E.on, RWE, Vattenfall und EnBW, dem Lobbyverband Atomforum und dem Energiewirtschaftsverband BDEW (Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft) ließen sich auch der Erdgasverband, zwei Tabakunternehmen (British American Tobacco und Philip Morris[1]), BP, die Telekom und Telefonica (ihr spanisches Pendant), der Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS, das Pharmaunternehmen Pfizer[2], BMW, Audi und der Autoverleiher Sixt, der RTL-Sender n-tv, natürlich die Bertelsmann Stiftung, die Gesellschaft der Versicherer und der Verband der privaten Krankenversicherer, die Apotheken, der Tankstellenbetreiber Tank&Rast, Air Berlin und der Monopolist Microsoft[3] zu einer milden Gabe hinreißen.
Na denn – viel Spaß, liebe FDP. Aber glaubt nicht, dass euch jetzt jemand wählt, nur weil ihr den ehemaligen Pharmalobby- und jetzigen Propagandaminister für Ultra-Krass-XXXL-Aufschwung und Wirtschaftsboom Phil Rösler zu eurem Chef gemacht habt…
[1] Wikipedia: “Nach Recherchen des Spiegels lässt Philip Morris International Inc. in Kasachstan Tabak anbauen, der teilweise auch von Minderjährigen geerntet wird. Dies verstoße gegen die Kinderrechtskonvention und kasachische Gesetze. Ebenfalls wird auf die schlechten Arbeitsbedingungen in Kasachstan hingewiesen. So würden die Plantagenarbeiter keine Schutzkleidung tragen, obwohl die Arbeit gesundheitsschädlich sei.”
So sehen wohl Menschenrechte nach Geschmack der FDP aus?
[2] Man beachte den Wikipedia-Abschnitt über die Verfahren gegen Pfizer.
[3] Theoretisch ist die FDP ja für freien Wettbewerb. Aber bitte nicht, wenn es ihre geliebten Lobbyistenfreunde trifft.

Laut Spiegel Online fordert ein – anscheinend relativ unbekannter, zumindest ist bei Google nur ein einziger Eintrag über ihn zu finden – Geoforscher vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) namens Frank Schilling ein Endlager auf Zeit. “Wir brauchen ein Kurzzeit-Endlager, und zwar schnell”, sagte Schilling Spiegel Online.

Was bitte soll ein Kurzzeit-Endlager sein?! Der Begriff ist schlicht und einfach ein Widerspruch in sich – ENDlager heißt nach den Gesetzen der Logik, dass das Zeug da bleibt und nicht nach 500 Jahren wieder herausgeholt werden muss. Dass 500 Jahre in diesem Maßstab eine “kurze Zeit” sind, zeigt im Übrigen, was wir (als Gesellschaft) uns mit diesem Müll angetan haben. In der Asse hat es nicht einmal funktioniert, die radioaktiven Abfälle auch nur 50 Jahre lang sicher zu lagern, da werden wir 500 Jahre für ein “Endlager light” oder 10 Millionen Jahre für ein richtiges Endlager ja locker im Handumdrehen stemmen.
Gerade CDU/CSU/FDP-Politiker begründen ja den “Schuldenabbau” (d.h. Sozialabbau zum angeblichen Zweck der nicht funktionierenden NEUverschuldungsreduktion) oder die Rente mit 67 gerne mit der “Generationengerechtigkeit”, nach dem Motto, “wir” (= die ärmere Hälfte der Bevölkerung) müssen uns jetzt in Askese üben und “den Gürtel enger schnallen”, damit für die Vermögenden nächsten Generationen noch etwas übrig bleibt.
Es ist also offenbar auch “Generationengerechtigkeit”, wenn die jetzige Generation bis 2037 (also ungefähr die Zeitspanne, die die heutigen Politiker noch zu leben haben) Atomstrom bezieht und das Problem der sicheren Endlagerung für die folgenden Generationen übrigbleibt. Die sollen ja schließlich auch noch etwas zu tun haben – nicht, dass denen die Arbeit ausgeht.
Danke, Frau Merkel; danke, Herr Westerwelle.

Dass ich mein besonderes Verhältnis zu Spiegel Online pflege, ist ja mit Blick auf die royale Hochzeit der Engländer und der „hohen Inflation“ hinlänglich bekannt. Zu letzterer ist übrigens zu sagen, dass alle Anleger, die aufgrund der Spiegel-Propaganda für Gold und Silber investiert haben, nun ein Problem haben sollten: Der Silber- und der Ölpreis ist in der vergangenen Woche eingebrochen. Und was sagt Spiegel Online dazu? In einem von 3 Beiträgen zum Thema bringt der Autor es fertig, das Wort „Spekulation“ kein einziges Mal fallen zu lassen. (Stattdessen dürfen „Experten“ und „Börsianer“ sich über „Sorgen um die Weltkonjunktur“ und dem „starken Anstieg des Dollar zum Euro“ auslassen.) In diesem Stil geht es dann weiter: Im zweiten Artikel wird im Schlusssatz nach längeren Lamenti von Analysten und sonstigen Kaffeesatzlesern über die US-Konjunktur und die Rebellionen in Libyen (das ganze 2% der Weltölproduktion ausmacht!) ein einziges Mal erwähnt, dass „spekulativ orientierte Investoren“ eine wichtige Rolle spielten. Auch in dem dritten Beitrag werden Spekulationen kurz als möglicher Grund erwähnt, hier allerdings in einem anderen Kontext: „Nicht zuletzt hat die US-Zentralbank mit ihrer Niedrigzinspolitik Rohstoffspekulationen befördert“, heißt es dort. Aha, die US-Notenbank ist also schuld. Das ist interessant, zumal die Fed sich mit ihrer extremen Niedrigzinspolitik zwar seit Jahren stark aus dem Fenster lehnt – aber zu behaupten, es würde spekuliert, weil Geld da ist, ist genauso, als würde ich sagen, ich spiele Lotto, weil ich Geld habe. (Nur dass Lottospielen nicht schädlich ist für die Gesamtwirtschaft.)

Dieses Wochenende war die Ähnlichkeit der Berichterstattung von Bild und Spiegel Online besonders frappierend.

„Die private Welt des Terrorchefs“, schrieb Bild.
„Terrorfürst, ganz privat“, schrieb Spiegel Online.
Und überbot sich mit einem Bericht über „Bin Ladens Judo-Vergangenheit“ unter dem Titel „Gotteskrieger mit Schwarzem Gürtel“ gleich selbst. Er basiert auf Bildern, „deren Echtheit aber bislang nicht überprüft werden konnte“ und berichtet darüber, dass Osama bin Laden „in jungen Jahren begeisterter Judo-Sportler“ (warum eigentlich nicht „Judoka“, lieber Autor?) gewesen sein „soll“, was wirklich nach knallharten Fakten klingt. Aber das ficht den Spiegel-Autor nicht an. Ist ja schließlich auch ein interessantes Thema. Und so schließt der recherchereiche und vollkommen unspekulative Artikel mit dem Satz: „Ach Osama, wärst du doch beim Judo geblieben.“

In einem Beitrag über die Ähnlichkeiten von Bild und Spiegel Online – jenseits der ähnlichen Besucherzahlen, die eine nicht vorhandene Konkurrenz vortäuschen -, darf natürlich auch ein Hinweis auf den Hausökonomen der Bildzeitung, Hans-Werner Sinn, nicht fehlen. Dessen Image wird auch gerne mal mit privaten Homestorys aufgebessert, um seine Glaubwürdigkeit zu erhöhen und ihn für Kampagnen wie die gegen die „Pleite-Griechen“ verwendbar zu machen. Der Artikel, obwohl von Bild.de, gibt übrigens auch einige aufschlussreiche Informationen über seine Positionen, wenn auch in rosigem Lichte dargestellt:

„Seinen größten politischen Einfluss hatte Sinn unter Kanzler Gerhard Schröder. Riester-Rente und Hartz IV hat er vorbereitet. Der Wissenschaftliche Beirat hatte unter Federführung Sinns ein Gutachten über eine kapitalgedeckte Altersvorsorge erarbeitet.
Arbeitsminister Norbert Blüm „wollte nichts davon wissen”, Nachfolger Walter Riester schon. „Das war schon ein schöner Erfolg”, sagt Sinn. 2002 legte das ifo-Institut eine Studie über „aktivierende Sozialhilfe” vor: Weil hohe Löhne für einfache Arbeiten in Deutschland nach der EU-Erweiterung in die Massenarbeitslosigkeit führten, schlug Sinn vor, Niedriglöhne mit staatlichen Zuschüssen aufzustocken. „Das haben mir die Gewerkschaften übel genommen”, sagt er.“

Weiterhin ist Herr Sinn Atomkraftbefürworter – ja, richtig gelesen: nicht Befürworter einer Laufzeitverlängerung, sondern eines Neubaus von Kernkraftwerken! -, scharfer Kritiker der erneuerbaren Energien, er hält das rot-grüne Erneuerbare-Energien-Gesetz, welches maßgeblich dazu beigetragen hat, dass wir heute einen Anteil von 17% Erneuerbaren an der Stromerzeugung haben und welches von zahlreichen anderen Ländern wegen seines Erfolgs kopiert wurde, für Planwirtschaft und sieht in einer Ökosteuer „einen Hauch von DDR“vergleicht Kritik an Managern mit der Judenverfolgung (wobei man fairerweise sagen muss, dass er das zurückgenommen hat) und ist bei dem alten liberalen Mantra „Lohnsenkung – Beschränkung der Gewerkschaftsmacht – weg mit dem Kündigungsschutz“ immer ganz vorne mit dabei. Außerdem vergleicht er – nicht zurückgenommen – die „Auswüchse des Patriotismus und Sozialismus“ in Deutschland mit den „Auswüchsen des grünen Idealismus“. „Es ist immer eine andere Meinung, mit der wir die Welt gerade beglücken wollen, aber immer liegen nur wir richtig, und alle anderen liegen falsch“, findet er. Im gleichen Artikel legt er dar, dass er Windräder ganz, ganz hässlich findet: „Wo also sollen sie stehen? In meinem Garten bitte nicht, und auch nicht neben den idyllischen Bauernhäusern meiner Heimat.“ Er hätte wohl lieber ein Kernkraftwerk und ein paar Castor-Behälter in seinem Garten stehen. Die sind aber auch hübsch, muss ich zugeben. Im April 2010 ließ er sich für die Pleitegriechen-Kampagne der Bildzeitung einspannen und lieferte die ökonomischen „Argumente“ dafür, dass sich „die faulen Griechen“ auf keinen Fall weiter auf unsere Kosten ein schönes Leben machen dürfen.

Soweit also der kleine Exkurs zum Unsinn des Herrn Sinn. Jedenfalls hat ebendieser Professor Sinn, der übrigens auch Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung ist, welches jeden Monat den „ifo Geschäftsklimaindex“ ermittelt (Volker Pispers: „moderne Form der Wahrsagerei“), mal wieder etwas zum Thema Griechenland abgelassen:

„Top-Ökonom Hans-Werner Sinn fordert: ‚Griechenland muss aus dem Euro raus!'“, schreibt Bild.
„Debatte über Währungsunion: Top-Ökonom fordert Euro-Aus für Griechenland“, schreibt Spiegel Online.

In beiden Artikeln werden dann vollkommen unkritisch die Alternativen „interne Abwertung“ (Kürzung der Löhne und Preise) und Austritt aus der Euro-Zone gegeneinander gestellt, wobei Sinn letztere für das „kleinere Übel“ hält. Dass die Griechen dann sofort all ihr Vermögen in Euro anlegen würden – kein Problem. Dass das Ganze in einer Kettenreaktion mit nachfolgendem Austritt weiterer Staaten resultieren würde – uninteressant. Dass EU-Anleihen in Kombination mit kooperativer Wirtschaftspolitik eine sinnvolle Lösung sein könnten, um die Zinslast zu reduzieren und eine langsame Angleichung an das EU-Lohnniveau zu ermöglichen – kein Wort davon.
Der Beitrag bei Spiegel Online berichtet am Schluss wenigstens über Kritik aus dem Finanzministerium; der Bild-Artikel endet hingegen vollkommen kritiklos mit dem Satz:

„Ob Griechenland im Euro bleibt oder nicht – Europa muss die gigantischen Schulden des Pleite-Staats am Ende bezahlen. Und damit auch der deutsche Steuerzahler.“

Bezogen auf die Überschriften hat es überhaupt keinen Sinn, Sinn als „Top-Ökonomen“ zu bezeichnen. Wirtschaftswissenschaftler mit anderen Positionen wie Heiner Flassbeck oder Gustav Horn werden schließlich auch nicht als „Top-Ökonomen“ bezeichnet. Das ist genauso sinnvoll, als würde man Guido Westerwelle als „Top-Politiker“ bezeichnen, Oskar Lafontaine aber nicht. Die Bezeichnung an sich ist schon irreführend, aber die Tatsache, dass sie nur an meinungskonforme Personen vergeben wird, umso mehr.


Die Einzelbeispiele für die Ähnlichkeit von Bild- und Spiegel-Berichterstattung, die ich oben gegeben habe, sind jedoch keineswegs Zufall. Vielmehr ist es im Hinblick auf die verschiedenen Zielgruppen der beiden Nachrichten-Websites so, dass Spiegel Online quasi die Bild ist für gebildete Leser (steckt ja auch schon im Wort…) und solche, die sich dafür halten. Die extrem starke Personalisierung wird beim Spiegel reduziert und es wird suggeriert, als würden dem Leser Fakten präsentiert (was man von Bild ja nicht sagen kann), aber die grundsätzlichen Informationen bzw. Meinungen, die dem Leser präsentiert werden, sind die gleichen. Gleichzeitig wird – wie gesagt – durch die ähnlich hohen Besucherzahlen eine Konkurrenz zwischen den beiden Websites vorgetäuscht, die so nicht vorhanden ist. Das gibt dem Leser das gute Gefühl, sich aus verschiedenen Perspektiven informieren zu können, das jedoch trügt. Denn eine Botschaft wirkt selbstverständlich umso glaubwürdiger, je mehr scheinbar verschiedene Personen oder eben Nachrichtenseiten sie vertreten.

Auch sind die obigen Beispiele ja mitnichten die einzigen – sondern eben nur die gerade aktuellen -, bei der die Übereinstimmung der Berichterstattung augenfällig ist. Spontan fallen mir die Unterstützung für Guttenberg vor der Plagiatsaffäre, die Eurokrise, das Hochschreiben von Peer Steinbrück zuerst zum erfolgreichen und aufopferungsvollen Finanzminister (der „Klartext redet“) und jetzt zum nächsten SPD-Kanzlerkandidaten und die panische Berichterstattung über Fukushima ein. Weiterhin die weitgehende Unterstützung für die Agenda 2010, das Bereitstellen einer Plattform für Thilo Sarrazin (wobei man dem Spiegel an dieser Stelle zugutehalten muss, dass dort teilweise auch eine kritische Debatte stattfand), der Libyenkrieg, die Stigmatisierung der Linken usw. Diese Liste könnte man ewig fortführen.

Man muss hier etwas unterscheiden zwischen dem gedruckten Spiegel und Spiegel Online. Erstens sind die beiden Redaktionen getrennt, auch wenn Spiegel Online schon mal einzelne Artikel aus dem Spiegel veröffentlicht. Zweitens gibt es im Spiegel zumindest teilweise noch gut recherchierten investigativen Journalismus zu lesen, Spiegel Online hingegen ist vollständig der Devise „Quantität statt Qualität“ verfallen. Dennoch hat wohl auch der gedruckte Spiegel seine besten Zeiten hinter sich – „Im Zweifel links“ und „Sturmgeschütz der Demokratie“, das war einmal. Heute steht Nachplappern der gängigen Floskeln auf der Tagesordnung und so bedeutende Themen wie „Die Heilkraft des Fastens“, „Wenn Eltern ihre Kinder brauchen“ und „Circus Krone“, um nur mal einige Titelgeschichten der letzten Wochen zu nennen.

Und so schreitet der Niedergang des echten, unabhängigen Journalismus anscheinend unaufhaltbar voran, zugunsten von übernommenen PR-Storys, trivialer Pseudounterhaltung wie z.B. der Königshochzeit, schlichtem Nachplappern von anderen Medien („wenn die das so schreiben, wird es schon stimmen“) und emotionaler Propaganda für einige und gegen andere Politiker. Die Aufgabe von Journalismus ist es offenbar nicht, zu informieren, sondern Meinung zu machen. Dieser Aufgabe werden Spiegel Online und Bild allerdings vollkommen gerecht, muss man zugeben.

In diesem Sinne – Bild-Leser wissen mehr, oder: Spiegel Dir Deine Meinung. Aber wunder Dich nicht, wenn nachher nur Blödsinn herauskommt.

Und, habt ihr schön alle die Hochzeit von Willi und Katharina (oder so) in London mitverfolgt? Nicht? Schämt euch. Schließlich wurde das im Fernsehen auf allen Kanälen und im Internet per Live-Stream, Live-Ticker und Live-Sonstwas übertragen. Ist ja auch ein wichtiges Ereignis. Ich meine, wenn in China ein Sack Reis umfällt, wird das ja schließlich auch in der Tagesschau gemeldet. Da kann man schon mal einen ganzen Tag für eine Hochzeit reservieren, auch weil uns Deutschen der geliebte Adel ja nun leider (vorübergehend) abhanden gekommen ist. Hat Prinz William eigentlich auch eine Doktorarbeit geschrieben? Wäre doch mal interessant. Oder auch nicht. Spiegel Online, was immerhin das größte deutsche (Boulevard-)Nachrichtenportal ist, hat sogar extra sein Logo geändert. Das sollte wohl kreativ sein, war es aber nicht. Außerdem waren dort den ganzen Tag die oberen beiden Überschriften für die Hochzeit reserviert. – Darunter stand heute mittag die Meldung: “Hohe Inflation: Deutsche können sich weniger leisten”. Im Artikel durfte man dann erfahren, dass das “bereits bescheidene” Lohnplus der Arbeitnehmer 2010 nun auch noch durch die ultra-mega-krasse Hyperinflation von ganzen 2.4% aufgefressen wird, weswegen die “alarmierte” EZB (Europäische Zentralbank) die Wirtschaft natürlich und verständlicherweise sofort mit weiteren Zinserhöhungen abwürgen muss. Darunter stand bezeichnenderweise eine Meldung mit dem Titel “Rekordhoch: Silber so teuer wie nie” – vom gleichen Autor. Klar: Weil die Hyperinflation droht, müssen die Kunden in die “krisensichere Anlage” (Artikel) Silber investieren. So was nennt man üblicherweise “Propaganda” und es sollte jedenfalls nicht von der größten deutschen Nachrichtenseite betrieben werden, noch dazu im Redaktionsteil. Damit das Volk das nicht merkt, wird es weiter mit Hochzeitsgelaber zugeschüttet. Na toll.