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Der Fachkräftemangel ist wieder einmal in aller Munde, weil das Bundeskabinett unter anderem beschlossen hat, die Hürden für die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte zu senken.

Fachkräftemangel, das ist ein – vor allem von der Arbeitgeberseite – behaupteter Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, der angeblich entweder heute oder (aufgrund der demographischen Entwicklung, auf die ich an dieser Stelle bereits zur Genüge eingegangen bin) in der Zukunft zu erheblichen wirtschaftlichen Problemen und einer „Bremsung des Wirtschaftswachstums“ führen soll. Belege dafür existieren zwar nicht; das hindert unsere wundervolle Arbeitsministerin Ursula von der Leyen aber nichts daran, von einer Million offenen Stellen zu reden und mal ganz nebenbei die Entwicklung der Beschäftigung in Deutschland bis 2026 zu prognostizieren. Wenn sich der bisherige Trend fortsetze, werde die Zahl der Erwerbstätigen in den kommenden Jahren um 6,5 Millionen sinken.[1] Auch Wirtschaftsminister Brüderle ist von der Realität gänzlich unbeeindruckt: „Eine Unterscheidung nach Branchen im Moment ist nicht nachhaltig: Jetzt fehlen vielleicht Ärzte und Ingenieure, morgen fehlen jedoch Fachkräfte in weiteren oder anderen Feldern.“[2]



Die Wirklichkeit sieht indes folgendermaßen aus: Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung stellte Ende 2010 fest, der immer wieder behauptete Fachkräftemangel sei eine „Fata Morgana“. Zumindest zuerst. Dann nämlich wurde die Überschrift der Studie von dessen damaligem Präsidenten Klaus Zimmermann,der wirtschaftsliberal orientiert und ein überzeugter Anhänger der Theorie vom Fachkräftemangel war, einfach in „Fachkräftemangel kurzfristig noch nicht in Sicht“ umgeändert. Doch damit nicht genug: Viele abschwächende Füllwörter wurden eingewoben, ganze Absätze schlicht wegzensiert und das Fazit manipuliert.
Auch in anderen Studien – jedenfalls in solchen, die nicht von den Arbeitgeberverbänden finanziert wurden – wurde immer wieder festgestellt, dass der beschworene Fachkräftemangel schlicht nicht existiert. Selbst das (politisch) neutralistische und mit klaren Urteilen sehr vorsichtige Wikipedia konstatiert in seinem Artikel zum Fachkräftemangel:

In Deutschland etwa ist der Begriff „Fachkräftemangel“ primär ein interessengeleitetes Schlagwort. Im Jahr 2011 etwa scheint es nur Engpässe bei Ärzten, Vulkaniseuren und Elektroinstallateuren zu geben.

Und mal angenommen, Frau von der Leyens Zahl von der Million offene Stellen stimmte. Wieso „vergisst“ sie dann, dass es selbst laut der gefälschten offiziellen Statistik der Bundesagentur für Arbeit noch ca. 3 Millionen Arbeitslose gibt? Es gab in Deutschland ein einziges Mal ein Unterangebot von Arbeitskräften, und das war in den 1970er Jahren, als die Konjunktur brummte, die Löhne kräftig stiegen und die Wirtschaft Wachstumsraten von 4-5% verzeichnete. Aber wie kommen die Politiker der Bundesregierung dazu, bei seit Jahren stagnierenden oder sinkenden Reallöhnen einen Fachkräftemangel herbeizureden? Jeder ökonomisch auch nur ansatzweise gebildete Mensch weiß schließlich, dass eine hohe Nachfrage nach einem Gut (in diesem Fall dem Gut „Arbeit“) hohe Preise (bei dem Gut Arbeit heißen die Preise „Löhne“) zur Folge hat. Und? Explodieren die Löhne? Haben wir Inflationsgefahr? Nein – Fakt ist, dass Deutschland die niedrigsten Lohnsteigerungen in ganz Europa und unter allen Industrieländern verzeichnet, also warum sollte man dann so einen Unsinn verbreiten?


Wikipedias Bezeichnung des Fachkräftemangels als „interessengeleitetes Schlagwort“ weist in die richtige Richtung; und die Tatsache, dass dieser vor allem von führenden Vertretern der Arbeitgeberseite verkündet wird, sollte einen zumindest zum Nachdenken bringen. Denn die von diesen Leuten geforderte „Lösung“ des nichtexistenten Problems ist zumeist nicht die verstärkte Ausbildung von Fachkräften in Deutschland, sondern vielmehr der Zuzug von Arbeitskräften aus dem Ausland. Dadurch würde aber das bestehende Überangebot von Arbeit noch weiter vergrößert und so durch die Hintertür Lohnsenkungen durchgesetzt. Es ist also zu vermuten, dass die Arbeitgeber mit der Begründung des Fachkräftemangels vor allem billige Arbeitskräfte aus dem Ausland bekommen wollen.


Das erklärt aber noch nicht, warum auch unsere Bundesregierung dem Märchen verfallen ist. Ich glaube nicht an die Dummheit von führenden Politikern in diesem Land, und das lässt nur einen Schluss zu: Sie sind interessengeleitet, zugespitzt könnte man sagen: korrupt.





[1] Zitiert nach Heise Online.
[2] Zitiert nach n-tv.

Hilferuf

Sieh an, sieh an. Manchmal, wenn auch selten, werden auch bei Spiegel Online absolute Top-News unwichtig. Ehec („Alles spricht für die Sprossen-Theorie“), „Zorniger Zwischenruf: Lasst mich rein, ich kann Arzt“, „Traumjob Austronaut: Wie man unser Mann im All wird“, „Topmodel-Finale: Plastikgeschmack im Mund“, „In eigener Sache: Neu fernsehen mit SPIEGEL.TV“; all das wird plötzlich zur Nebensache, wenn die Nachricht die Runde macht:

Wie bitte? Unser Gutti? Der kann uns doch nicht einfach hier zurücklassen! Hilfe!
Was noch zu klären wäre
  • Ist es für immer?
  • Wenn nicht – wann kommt er zurück?
  • Wird er noch Kanzler?
  • Wer hat ihm die plagiierte Doktorarbeit untergejubelt?
  • Wann werden die Hetzer von der Opposition endlich bestraft?
  • und last but not least: Kommt Johannes B. Kerner mit?

„Frau Merkel war stets bemüht, ihre Aufgaben zu erfüllen.“
So könnte die zwischenzeitliche Bewertung des Projekts Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Atomausstieg lauten, das die schwarz-rote schwarz-gelbe Bundesregierung in diesen Tagen initiiert. Für diese Parteien ist der entstandene Kompromiss natürlich revolutionär; das heißt aber nicht, dass man ihn uneingeschränkt hochjubeln müsste. Außer natürlich für die Medien.

„Sieg des Merkelismus“, „Schwarz-Gelb-Rot bringt die Grünen in Not“, „Grüne im Ausstiegs-Dilemma“, „AKW-Gegner fürchten die Abschaltung“, glaubt Spiegel Online zu wissen. Die Klima- und Antiatomkanzlerin Angela Merkel macht das großartig, ist die Botschaft. Wenn es wenigstens „nur“ der Spiegel wäre, der es für vollkommen unrealistisch hält, dass man noch schneller als in 11 Jahren aus der Atomenergie aussteigen könnte, weil das mindestens 5237 Billionen Euro kosten würde. Nein, die Behauptung „Grüne in der Identitätskrise“ – wahlweise auch auf die Antiatomkraft- oder noch allgemeiner auf die Umweltbewegung bezogen – läuft auf allen Kanälen. Sie soll dem deutschen Medienkonsumenten das Faktum, dass Atomkraftgegner zynisch, besserwisserisch, immer dagegen, realitätsfern, irrational und dumm sind, so lange mit Gewalt ins Gedächtnis hämmern, bis er es auch tatsächlich für ein solches hält. Bei einem riesenhaften nationalen Konsens wie diesem, der vielen Medienvertretern gar nicht historisch genug sein konnte, ist kritisches Mitdenken schließlich reine Wahlkampftaktik, außerdem Haarspalterei und grundsätzlich zu verurteilen.
Immerhin hat Schwarz-Gelb schon insofern eingelenkt, als sie die 9 verbliebenen Kernkraftwerke nicht mehr alle auf einen Schlag 2021/22 abschalten wollen, sondern schrittweise. Trotzdem muss Kritik erlaubt sein:

  • Bei Angela Merkel sieht „schrittweise“ so aus, dass in den Jahren 2015, 2017 und 2019 jeweils ein Atomkraftwerk vom Netz geht, 2021/22 jedoch 6.
  • Der Atomausstieg muss einhergehen mit einem vernünftigen Energiekonzept für den Ausbau erneuerbarer Energien. Ein solches ist jedoch nicht erkennbar.
  • Der Anteil regenerativer Energien an der Stromversorgung muss bis zum Jahr 2020 mindestens auf 40% steigen statt auf die 35%, die von der schwarz-gelben Bundesregierung bereits im Zuge der Laufzeitverlängerung verkündet und jetzt nicht erhöht wurden.
  • Der große Vorteil der erneuerbaren Energien ist, dass sie dezentral sind. Die Bundesregierung kann oder will das nicht zur Kenntnis nehmen und setzt lieber auf große Offshorewindparks, Gas- und Kohlekraftwerke. Damit hat sie eine grundlegende Voraussetzung für die Energiewende nicht verstanden.
  • Die FDP verkauft es als großen Erfolg, dass sie eine sogenannte Kaltreserve bis 2013 durchgesetzt hat, um kurzfristige Leistungsengpässe auszugleichen. Dabei sind Kernkraftwerke dafür technisch gar nicht geeignet – sie brauchen 2 bis 3 Tage, um überhaupt hochgefahren zu werden.
  • Die Marktmacht der vier großen Stromkonzerne und Atomkraftbetreiber E.on, RWE, EnBW und Vattenfall bleibt ungebrochen. Diese haben zusammengenommen einen Anteil von 80% (!) am Strommarkt.
  • Der Atomausstieg könnte sehr viel schneller erfolgen – je nachdem, wen man fragt, bis 2014 (Die Linke), 2015 (Greenpeace; Olav Hohmeyer, Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen) oder 2017 (Die Grünen; Umweltbundesamt) stattfinden. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) und das Umweltbundesamt (UBA) sind übrigens beide dem Bundesumweltministerium unterstellt. Die Studie des UBA, die 2017 als realistisches Ausstiegsdatum feststellte, wurde bis vor kurzem von Umweltminister Norbert Röttgen zurückgehalten.
  • Selbst wenn man 2017 als Datum annimmt, könnte man den Atomausstieg somit um 5 Jahre verkürzen.
  • Nimmt man das absolut realistische Ausstiegsdatum 2015 als Grundlage, so lässt die Bundesregierung die Kernkraftwerke um 7 Jahre länger als nötig laufen.

Genug sachliche Kritik Haarspalterei also, die man anbringen könnte. Der Spiegel nimmt seine Funktion des kritischen Journalismus lieber wahr, indem er sinnvolles Grünen- und Atomkraftgegnerbashing betreibt. Es ist schwer nachvollziehbar, wie man so einen Schwachsinn verzapfen kann:

    Es sind allerdings nicht nur die Grünen, die jetzt ein Problem haben. Mit Sorge in die Zukunft blicken dürften auch ihre Verbündeten blicken, die ihre Existenzberechtigung vor allem aus dem Konflikt um die Kernkraft ziehen: die Umweltverbände. Greenpeace, Nabu, BUND und Co. können sich dank der schwarz-gelben Energiewende zwar ebenso als Sieger der Geschichte fühlen – aber ein bisschen überflüssig macht sie das auch.

    An diesem Absatz, der repräsentativ für den Artikel steht, ist wirklich jeder Satz unsinnig und falsch:

    • Die Grünen haben mit Sicherheit kein „Problem“ mit dem Ausstieg aus der Kernenergie. Höchstens eines mit großen Worten, auf die wenige Taten folgen.
    • Die Umweltverbände sind weder „die Verbündeten“ der Grünen, noch blicken sie „mit Sorge in die Zukunft“ und sie ziehen ihre „Existenzberichtigung“ auch nicht „vor allem aus dem Konflikt um die Kernkraft“, sondern haben ein sehr breit gefächertes Themenfeld. Dass sie sich im Moment aus aktuellem Anlass vor allem in der Debatte um die Atomenergie engagieren, ist ja wohl selbstverständlich.
    • Greenpeace, Nabu, BUND und Co.“ haben mit Sicherheit Besseres zu tun, als sich „als Sieger der Geschichte“ zu fühlen.
    • Die Umweltverbände wären vermutlich sehr glücklich, wenn sie in irgendeiner Weise überflüssig würden, weil es keine Umweltprobleme mehr auf der Erde gäbe. Leider ist das auf absehbare Zeit nicht zu erwarten.

    Ich empfehle euch, den ganzen Artikel zu lesen; er ist ein Musterbeispiel für antiökologische Propaganda. Und so etwas wird bei Spiegel Online nicht einmal als Kommentar, Meinung oder Kolumne gekennzeichnet; nein, es taucht als ganz normaler, pseudoobjektiver Artikel auf. Die Tatsache, dass dann drei solcher Beiträge auf einmal lanciert werden, die alle in dieselbe Richtung („Grüne in Not“) weisen und so dieselbe Botschaft („Merkel macht das toll, sachliche Kritik an ihrer Politik ist nur das Gemecker der üblichen Verdächtigen, die sich vor der Sinnkrise fürchten“) transportieren, macht schon etwas stutzig. Zwei dieser drei Artikel sind übrigens von den gleichen Autoren, der dritte Beitrag – der den „Sieg des Merkelismus“ beschwört – ist immerhin als Kommentar gekennzeichnet. (So etwas kann dann wohl selbst Spiegel Online nicht mehr als halbwegs neutral durchgehen lassen.)
    Wie gesagt, die hier aufgeführten Spiegel-Artikel stehen nur exemplarisch für alle Medien, weil Spiegel Online nun mal das größte deutsche Online-Nachrichtenportal ist. Oben genannte Botschaften habe ich in den letzten Tagen aber sehr oft und von allen möglichen Seiten gehört – sie werden einem so lange in das Gehirn eingraviert, bis man sie glaubt. Wie das im Übrigen bei vielen anderen Themen auch passiert.

    Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.

    Vorab – ich bin wirklich kein Fan von Margot Käßmann, der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, die im Februar 2010 von diesem Amt zurücktrat – nach einer Autofahrt, bei der sie unter Alkoholeinfluss gestanden hatte. Um ehrlich zu sein, ist sie mir relativ egal. Trotzdem verdient der argumentativ eher dürftige, aber mit subjektiven Ansichten über alle möglichen Themen gespickte Spiegel-Artikel über sie einen Kommentar.
    „Die Mut-Bürgerin“, lautet der Titel des Beitrags, und der unbedarfte Leser nimmt zunächst an, die Überschrift solle den Artikel repräsentieren oder zusammenfassen. Weit gefehlt – bei Spiegel Online verbirgt sich schon im Titel beißende Ironie.

    Margot Käßmann ist allgegenwärtig. Ihre Bücher sind Bestseller. Sie ist der Star des bevorstehenden Kirchentags. Was heißt das für die deutsche Politik?

    Man stutzt zwar kurz, warum Margot Käßmann „allgegenwärtig“ sein soll und was das mit „der deutschen Politik“ zu tun haben soll, aber liest dann weiter in der Erwartung, dass der Artikel schon eine Antwort auf diese Fragen bereithalten werde.

    Die Frage würde kommen, das wusste Margot Käßmann, es geht um das beherrschende Thema der vergangenen Tage, sie hat sich darauf vorbereitet. Käßmann sitzt im Untergeschoss des Berliner Kulturkaufhauses Dussmann, etwa 200 Leute drängeln sich um die kleine Bühne. Oben, wo eine Leinwand aufgebaut ist, sind es noch mal so viele.

    Käßmann hat gerade Passagen aus ihrem neuem Buch „Sehnsucht nach Leben“ gelesen. Es handelt von Frieden, Freiheit und dem Glauben an Engel. Das Publikum, vorwiegend Frauen aus der Generation 50 plus, hat aufmerksam zugehört. Ihr gehe es darum, Hoffnungsbilder zu malen, sagt Käßmann.

    Ein Journalist redet mit Käßmann über Sehnsüchte. Dann fragt er: „Frau Käßmann, was halten Sie von der Intervention des Westens in Libyen?“ Käßmann war einmal Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie trat vor gut einem Jahr nach einer Trunkenheitsfahrt zurück. Spätestens seitdem gilt sie als moralische Autorität in allen wichtigen Fragen, gerade solchen von Krieg und Frieden.

    Die sofort auffallende Widersprüchlichkeit in dem zeitlichen Zusammenhang, den der Autor hier zwischen der Trunkenheitsfahrt und der „moralischen Autorität“ konstruiert, ist selbstverständlich gewollt. Die Frage, wem die gute Frau als moralische Autorität gilt, bleibt dabei unbeantwortet. Dabei hat man immer eine Autorität gegenüber jemandem inne; und diese Formulierung klingt so, als gälte die Aussage für alle Deutschen. Dadurch wird erst einmal das angebliche Problem aufgebauscht, welches dann in den nächsten Absätzen gründlich seziert wird.

    Sie hat das Geschehen in Libyen in den vorangegangenen Wochen öfters kommentiert. Es ist ein Thema, für das sie sich zuständig fühlt. Ihre Antworten waren nicht immer ganz widerspruchsfrei, auch moralische Autoritäten sind zu einer gewissen Flexibilität fähig.

    Jetzt wird es abwertend. Als wäre es zu verurteilen, dass eine prominente Person, die kein öffentliches Amt innehat, das politische Geschehen kommentiert, wie es viele Intellektuelle auch regelmäßig tun… Die Phrase der „gewissen Flexibilität“ klingt schon für sich genommen sarkastisch, sie wird allerdings dadurch noch unpassender, dass die vom Redakteur gefundene Widersprüchlichkeit in ihren Aussagen nicht einmal existiert:

    Das erste Mal, als Käßmann sich äußerte, war der Bürgerkrieg bereits im Gange. Sie mochte sich nicht recht festlegen: „Wir brauchen mehr Phantasie für den Frieden, um ganz anders mit Konflikten umzugehen“, sagte sie. Das war eine sehr allgemeine Einschätzung, vielleicht etwas unterkomplex, aber sie würde auf alle denkbaren Entwicklungen passen.
    Dann setzte Oberst Muammar al-Gaddafi den Krieg gegen das eigene Volk ziemlich phantasielos fort, er versprach, Libyen „Haus für Haus zu säubern“, ein Massaker schien unmittelbar bevorzustehen. Käßmann hielt nun eine Flugverbotszone „eng begrenzt für richtig, weil man das freiheitsliebende Volk vor einem völlig irrsinnig gewordenen Diktator schützen muss“. Das schien eindeutig.
    Zeitgleich autorisierte der Uno-Sicherheitsrat den militärischen Einsatz gegen Gaddafi. Käßmanns Sympathie für eine Flugverbotszone verflüchtigte sich in dem Moment, als diese durchgesetzt wurde. In Libyen schossen Raketen durch die Luft, Panzer gingen in Flammen auf, Menschen starben. Das war gar nicht die friedliche Flugverbotszone, die Käßmann gemeint hatte. Das war Krieg.
    Nun sitzt sie bei Dussmann, der Journalist hat gefragt, sie muss wieder eine Position finden. Sie sagt: „Es scheint keine Begrenzung des Militärischen zu geben, das finde ich deprimierend.“

    Zuerst wird eine zugegebenermaßen sehr allgemeine und abstrakte Aussage, wie wir sie täglich von unseren Politikerinnen und Politikern hören, als „unterkomplex“ diffamiert (bezeichnet der Autor mit seinem überragenden Intellekt auch Angela Merkel als „unterkomplex“?), dann ist eine abwägende Aussage, die bei einem ethisch sehr komplexen Thema eine vorsichtige Einschätzung trifft, „eindeutig“, und schließlich ändern sich ihre Positionen genau dann, wenn sie in die Praxis umgesetzt werden, womit ihre Realitätsferne ja wohl unzweifelhaft belegt ist: „Sie muss wieder eine Position finden.“ Oder?
    Dabei liefert sich der Autor die Antworten auf seine quälenden Fragen eigentlich selbst: „In Libyen schossen Raketen durch die Luft, Panzer gingen in Flammen auf, Menschen starben. Das war gar nicht die friedliche Flugverbotszone, die Käßmann gemeint hatte. Das war Krieg.“ Der beißende Zynismus in diesen Sätzen ist unübersehbar, und dennoch müsste dem Redakteur selbst bekannt gewesen sein, dass eine Flug-Verbotszone eigentlich darauf ausgerichtet ist, (militärische) Flüge über dem betreffenden Gebiet zu verhindern – und nicht Luftangriffe zu fliegen und Zivilisten zu töten, wie es die Nato tut.

    Die Zuhörer in Berlin sind überzeugt, sie honorieren Käßmanns Ausführungen mit viel Beifall. Am Ende der Lesung gibt es eine lange Schlange von Menschen, die ihr Buch von der Autorin signieren lassen wollen. Offenbar ist niemandem bewusst, welche Positionen Käßmann in dieser Sache schon vertreten hat, oder es stört zumindest niemanden. Für ihre Fans passt immer, was sie gerade sagt.
    Margot Käßmann gehört zu den erstaunlichsten Figuren des öffentlichen Lebens in Deutschland. Sie elektrisiert die Menschen, egal ob sie gerade für eine Flugverbotszone ist oder dagegen. Zwei ihrer Bücher sind unter den Top 20 der SPIEGEL-Bestsellerliste, eines davon schon seit 81 Wochen. Sie ist regelmäßig im Fernsehen zu sehen, vor gut zwei Wochen hat sie zum ersten Mal eine Talkshow moderiert. Es ist oft schwierig, für ihre Veranstaltungen noch ein Ticket zu bekommen.

    Tja, ihre „Fans“ (überhaupt ein eher unangemessener Begriff) müssen schon extrem dumm sein, wenn sie die eklatanten Widersprüche in Käßmanns Aussagen nicht sehen. Und es ist schon sehr bemerkenswert, dass Menschen bei eine Lesung applaudieren und sich nachher sogar noch Bücher signieren lassen. Die Argumente werden immer besser.

    Die Bürger vertrauen Käßmann. Bei einer SPIEGEL-Umfrage nach moralischen Instanzen in Deutschland landete sie vor Günter Grass und Jürgen Habermas – allerdings hinter Karl-Theodor zu Guttenberg. Da war noch keine Rede von dessen Doktorarbeit.

    Es ist ja lobenswert, dass der Spiegel eine Zweitverwertung für seine wertvollen Umfragen sucht, aber in der genannten Befragung landete Käßmann auf Platz 9 – hinter moralischen Autoritäten wie Horst Köhler, Ursula von der Leyen oder Günter Jauch. Wow.

    Käßmann weiß, was die Leser von ihr erwarten, und sie liefert. Mehr als 50 Bücher hat sie geschrieben, sie heißen „Meine Füße auf weitem Raum“ oder „Was im Leben trägt“. Es sind Bücher, die immer die gleiche Botschaft haben: Fehlschläge sind normal, du darfst nicht verzweifeln. Die Bücher sind aus Fertigbauteilen zusammengesetzt wie ein Ikea-Regal. Und genauso erfolgreich.

    Ich gehe nicht davon aus, dass der Autor alle diese Bücher gelesen hat. Das muss er ja auch nicht – aber dann sollte er sich vielleicht auch nicht unbedingt ein so vernichtendes Urteil anmaßen. Die Metapher mit dem Ikea-Regal ist ja sehr kreativ, wie lange hat er wohl dafür gebraucht?

    In der Ovalhalle im Wiener Museumsquartier haben sich die Mutigen versammelt. Sie tragen gelbe T-Shirts oder Schals mit dem Aufdruck „Mut tut gut.“ Die T-Shirts kosten zehn Euro, die Schals die Hälfte. Die Veranstaltung ist Teil der Evangelischen Woche, sie steht unter dem Motto: „Wo Mut Gutes tut“.

    Als Expertin in Sachen Mut ist Margot Käßmann eingeladen. Käßmann ist ganz in Schwarz gekleidet, schwarze Schuhe, schwarzer Rock, schwarzes T-Shirt und ein silbernes Kreuz um den Hals. Was sie für die Expertenrolle prädestiniert, erklärt die Moderatorin vom Österreichischen Rundfunk (ORF): „Frau Käßmann ist hier“, sagt sie, „weil sich der Mut als Leitmotiv durch ihr Leben zieht.“

    Während man sich noch fragt, was damit wohl gemeint sei, zählt die Frau vom ORF all die Missstände auf, gegen die Mutige wie Frau Käßmann kämpfen: die Ausbeutung von Arbeitskräften, Kriegsbereitschaft, die größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, ökologische Katastrophen. „Was davon“, so fragt sie den Gast, „erfordert mehr Mut?“
    Das ist eine schwierige Frage. Ist es mutiger, sich gegen ökologische Katastrophen auszusprechen oder gegen Kriegsbereitschaft? Käßmanns Mut-Thema ist der Krieg in Afghanistan. „Nichts ist gut in Afghanistan“, hat sie vor anderthalb Jahren in einer Predigt gesagt, eine ziemlich plakative Aussage, die für viel Aufregung gesorgt hat. Nicht alle fanden sie gut. Ein paar Politiker haben sich aufgeregt, weil sie fanden, Käßmann hätte sich die Situation vor Ort zumindest angucken können. Es gab auch einige Leitartikler, die Käßmanns Analyse dürftig fanden.
    In der Wahrnehmung der Käßmann-Verehrer wurde daraus die Geschichte von der mutigen Bischöfin. Hatte sie sich nicht mit dem Establishment angelegt und eine Position bezogen, für die sie dann kräftig Prügel bezog?
    In Wirklichkeit war die Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite. Wie viel Mut erfordert es, gegen einen Krieg zu sein, den die meisten nicht wollen? Selbst der Verteidigungsminister lobte, Käßmann habe eine wichtige Debatte angestoßen. Trotzdem klagte sie: „Es hat mich sehr verletzt, dass ich so angegriffen wurde.“ Die angeblich so heftigen Angriffe dienen als Ausweis des eigenen Mutes.

    Das Verständnis, das der Autor von Mut hat, ist etwas verquer. Ist man etwa nur dann mutig, wenn man nicht die Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite hat oder wenn man „das Establishment“ mit allen Mitteln bekämpft? Ist man nur mutig, wenn man von wichtigen Personen angegriffen wird?
    Natürlich ist die Aussage, nichts sei gut in Afghanistan, plakativ. Andererseits – wenn es sich um eine Predigt handelte, ist das dann wirklich der richtige Ort, um ultrarationale, messerscharfe Analysen zu treffen?

    Ihren Kritikern, zumal denen aus der Politik, traut Käßmann alles zu. Deutschland hat sich im Uno-Sicherheitsrat in der Libyen-Frage enthalten? Das könnte man als Ausdruck des Zweifels an der Militäraktion deuten. Käßmann hat eine andere Interpretation: „War hier nicht eher ausschlaggebend, dass die Öllieferungen stabil bleiben?“, fragt sie. Wie die Enthaltung mit stabilen Öllieferungen zusammenhängt, ist nicht ganz klar. Klar ist lediglich, dass die Bundesregierung irgendwelche dunklen Motive zu haben scheint.

    Nein, es ist überhaupt nicht klar, was Beschlüsse des Uno-Sicherheitsrates mit Öllieferungen zu tun haben. Es ist überhaupt nicht klar, wie Nato-Militäreinsätze mit natürlichen Ressourcen zusammenhängen. Klar ist lediglich, dass der Weihnachtsmann die Geschenke bringt. Meine Güte, wie naiv kann man eigentlich sein?

    Es ist keine Kleinigkeit, wenn Käßmann der Politik unlautere Absichten unterstellt. Sie ist für viele ein Vorbild, sie gilt als ehrlich und glaubwürdig. Was sie sagt, hat Gewicht. Sie ist die prominenteste Vertreterin der evangelischen Kirche, auch ohne hervorgehobenes Amt. Sie hat eine Verantwortung, als öffentliche Person und als Christin.
    Mit dieser Verantwortung geht sie fahrlässig um. In Käßmanns Welt lassen sich komplexe politische Themen auf einen Satz bringen: Nichts ist gut in Afghanistan. Das stimmt nicht, in Afghanistan hat sich vieles verbessert, die Situation der Frauen zum Beispiel. Aber Käßmanns Satz ist einprägsam, deshalb erreicht er die Menschen.

    Und das Gerede von der Situation der Frauen in Afghanistan ist nicht weniger einprägsam, wenn der Autor es ein weiteres Mal wiederholt. Das macht es zwar nicht sinnvoller, aber was solls.

    Das politische Weltbild, das Käßmann vermittelt, beruht auf einer klaren moralischen Zweiteilung. Es gibt nur Gut und Böse. Man muss sich zwischen beiden Seiten entscheiden.
    Aber so einfach ist die Wirklichkeit nicht. Wird der Westen eher schuldig, wenn er libysche Soldaten umbringt oder wenn er ein mögliches Massaker dieser Soldaten an der Zivilbevölkerung zulässt? Das ist ein moralisches Dilemma, auf das es keine einfache Antwort gibt. Käßmann tut so, als hätte sie eine.
    Sie erhebt sich damit über die Politiker, die Kompromisse finden müssen und keine einfachen Antworten geben können. Sie nimmt für sich in Anspruch, mutig zu sein. Die Politiker erscheinen daneben kleinmütig.
    Durch ihre vereinfachende, moralisierende Art verstärkt sie die Ressentiments, die es ohnehin gegen die Politik gibt. Das sichert ihr Aufmerksamkeit, aber für das politische Klima im Land ist es nicht gut.

    Während Frau Käßmann noch moralisiert, ist die Spiegel-Redaktion bereits im Besitz der objektiven und absoluten Wahrheit, die da lautet: Gaddafi ist böse, und die Nato wird alles richten.

    Quod erat demonstrandum.