Medien

Oh, ihr Armen… Einige der größten deutschen Online-Nachrichtenseiten (darunter Spiegel, Zeit, Süddeutsche und die Rheinische Pest Post) betteln die NutzerInnen jetzt an, doch bitte ihre Werbeblocker abzuschalten. Adblock Plus kommentiert das auf Twitter mit:

„Danke für Euren Aufruf, liebe Verlage! Unsere Bilanz gestern: Installationen auf http://AdblockPlus.org +129%, Spenden +167% #Adblock“

Und auf die Gefahr hin, mit einem Pingback großes Wehklagen auszulösen,

„Als ich heute Morgen das Internet aufschlug, erhob sich ein lautes Jammern und Wehklagen. Das war noch lauter als mein eigenes Wehklagen, in das ich immer ausbreche, wenn ich im Internet ein generisches Femininum oder die Mädchenmannschaft erblicke.
Es war das selbstmitleidige Rumgeweine von diversen Online-Nachrichtenmagazinen, die sich bitterlich darüber beklagten, dass ich einen Werbeblocker benutze und damit aller Voraussicht nach alleinverantwortlich dafür sein werde, dass sie ihr Onlineangebot zeitnah aufgeben müssen.“

verlinke ich einen guten Kommentar von Meike Lobo dazu.

Werbung

Immer diese faulen, asozialen, deutschenfeindlichen Südeuropäer. Nichts als Randale haben die im Kopf.

Randale

Nachricht des Tages auf Spiegel Online: Gewaltbereite zyprische Terroristen stehlen Deutschlandfahne.

 

Die Deutschen – odSpiegel-Propagandaer besser gesagt: der Deutsche Steuerzahler™ und der Deutsche Kleinsparer™ – werden enteignet. Von Eurorettung und Inflation. Sagt zumindest der Spiegel. Und das ist ja auch logisch, wo die Europäische Zentralbank mal wieder die Notenpresse anwirft™.

Was noch schlimmer ist: Die Enteignung findet schleichend statt. Man bemerkt sie nicht sofort, aber sie ist da. 1,6% pro Jahr war die durchschnittliche Inflation in Deutschland seit dem Beitritt zur Eurozone. Das klingt zwar nicht viel und ist auch so wenig wie nie zuvor, aber das täuscht. Wenn man sein Geld 45 Jahre lang im Sparstrumpf hortet, – schwupps – ist es nur noch halb so viel wert. Und wer tut das nicht? Immerhin hat der durchschnittliche Deutsche ein Vermögen von fast 90.000 €, und sein Geld zur Bank zu bringen ist in Zeiten der Finanzkrise schon ziemlich dumm…

 

Handelsblatt: Der richtige Mann, der falsche Ton // Keine Frage, mit seinem Papier zur Finanzmarktregulierung hat Steinbrück nicht nur seine wirtschaftspolitische Kompetenz unter Beweis gestellt, sondern auch seinen unbedingten Willen zur Macht. Steinbrück will Kanzler werden, sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein ist zweifellos ein Pluspunkt im Kampf um die Kanzlerschaft.

Bild: Wie viel Schröder steckt in Steinbrück? // Bei Anhängern wie Gegnern gilt der SPD-Politiker als blitzgescheit, als Mann mit einer enormen Auffassungsgabe und hoher Intelligenz.

Tagesschau: Ein Freund der klaren Kante // Er war so etwas wie der Fels in der Brandung.

Tagesspiegel: Klarer Kompass, klarer Kurs – das braucht die SPD // Wer, wenn nicht Peer?

taz: Der tapfere Sozialdemokrat

Süddeutsche: Peer Steinbrück wird SPD-Kanzlerkandidat – Kämpferisch, unbequem, gefährlich

Welt: Der SPD gelingt ein Paukenschlag // Die Formation Gabriel-Steinmeier-Steinbrück hat ihre Arbeit getan, und zwar nicht schlecht.

Süddeutsche: Warum Steinbrück die beste Wahl ist // Er wird versuchen, die Sehnsucht der Deutschen nach Führung zu befriedigen.

Spiegel: Die beste Wahl // Es ist vollbracht.

 

»Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.«

Paul Sethe

Als „GAL“ (Grün-Alternative Liste) bezeichnet RTL die nordrhein-westfälischen Grünen in ihrem Kandidaten-Check „10 Minuten Klartext“ zur NRW-Landtagswahl  – eine Bezeichnung, die früher eigentlich vor allem grüne Wählergemeinschaften trugen. Die Hamburger Grünen, die bis vor kurzem noch so hießen – ein Relikt aus ihrer Vergangenheit – haben erst letztes Wochenende beschlossen, sich in Bündnis 90/Die Grünen Hamburg umzubenennen. Die NRW-Grünen hießen aber nie GAL.
Weiterhin ignoriert RTL die Linke komplett – selbst die Spitzenkandidaten der FDP mit ihren 3%-Umfragewerten und der Piraten, die im Moment nicht im NRW-Landtag sitzen (auch wenn es nicht unwahrscheinlich ist, dass sie einziehen werden) werden interviewt, die Kandidatin der Linken aber nicht.
Nicht weiter verwunderlich, aber bezeichnend für den Bertelsmann-Konzern RTL…

Quelle: http://www.derwesten.de/politik/nrw-wahlkampf-bei-rtl-ohne-die-linken-id6584288.html

Als „kurz notiert“ werde ich von nun an kurze Hinweise veröffentlichen, die mir keinen langen Artikel wert, aber trotzdem beachtenswert sind.

// edit (14.10.2012): Ich habe die Kategorie „kurz notiert“ wegen Unnötigkeit wieder abgeschafft. Es bringt nichts, zwischen kurzen und langen Artikeln zu unterscheiden.

Während unsere wundervollen Medien damit beschäftigt sind, wundervolle Propagandabeiträge über unseren wundervollen neuen Bundesgauck zu veröffentlichen, werden in New York mal wieder ein paar von diesen lästigen Steinewerfern festgenommen. Aber das ist den Massenmedien nicht mal eine Randnotiz wert, und wer liest schon die Nordbayern-Zeitung?

Ein armer, armer Welt-Redakteur, der seinen letzten Groschen aus Altruismus in griechische Staatspapiere gesteckt hat, fährt schwere Geschütze gegen den Schuldenschnitt auf. Er sei „entrechtet und enteignet“ worden. Nun ja, viele Linke haben vor dem Schuldenschnitt gewarnt – unter Anderem mit dem Argument, er treffe viele Kleinanleger, die vor Beginn der Krise ohne jede spekulative Absicht in griechische Anleihen investiert haben. Bei ihm liegt der Fall jedoch etwas anders. Stocker hat die Papiere gekauft, als die Krise bereits abzusehen und die Rendite, aber auch das Risiko daher höher war. Aus seiner Perspektive ist das Gejammer daher unverständlich. Wer investiert, trägt das Risiko; dafür bekommt er ja im Erfolgsfall höhere Zinsen – so funktioniert Kapitalismus. Und wenn er Merkels Absichtserklärungen glaubt, ist er eben selbst schuld.
Unterdessen stellt Wolfgang Schäuble klar, was er unter der von der Bundeskanzlerin proklamierten marktkonformen Demokratie versteht. Es sei „sehr bedenklich“, dass im April die bereits einmal um zwei Monate verschobene Parlamentswahl stattfinden soll. Genauso bedenklich vermutlich wie das vom ehemaligen Ministerpräsidenten Papandreou einstmals vorgeschlagene Referendum war, welches innerhalb von nur wenigen Tagen zum sofortigen Stopp der „Hilfs“kredite und dann zu seinem „freiwilligen“ Rücktritt führte.
Marktradikalismus und Demokratie haben sich noch nie miteinander vertragen. Neu ist allein, dass die Diktatur der Technokraten nun nicht mehr in irgendwelchen „unwichtigen“ Entwicklungs- und Schwellenländern eingeführt wird, sondern in entwickelten, in Europa integrierten Industrieländern. Auch die in Griechenland herbeigeführte Rezession passt bestens in den Plan, eröffnet sie doch die Möglichkeit, mit der schwerwiegenden Krise neben der neoliberalen Schocktherapie auch noch die Aussetzung der Demokratie zu rechtfertigen. Intelligent ist das schon, das muss man neidlos anerkennen.

Endlich!
Ich hatte sie schon vermisst, die Peer-Steinbrück-Propaganda vom Feinsten, aber jetzt hat das Warten ein Ende! Germany’s Next Candidate wird endlich wieder belobigt und gepriesen, wie es sich gehört, und das Beste daran ist: Man wird nicht einmal mehr von langweiligen inhaltlichen Diskussionen belästigt, sondern kann staunend dabei zusehen, wie der Autor mit Pinsel und Farbe wunderschöne Macht- und Personenkonstellationen für das Jahr 2013 an die Wand malt. „Mit Helmut Schmidt ins Kanzleramt“, lautet der an Inhaltsleere kaum zu übertreffende Kommentar des Chefredakteurs der Süddeutschen, die ja eigentlich eine linksliberale Zeitung ist.

Gleich im ersten Absatz glaubt der Autor sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass er statt über Inhalte über Personen spricht, und bringt das überzeugende Argument, „dass man die Auseinandersetzung über bestimmte, auch große Fragen der Politik allmählich satthat, weil man von jenen, die diese Politik verantworten, nichts mehr erwartet“. Wer „man“ sein soll, ist unklar. Sehen wir einmal darüber hinweg und lesen weiter, was der Autor denn für gewichtige Argumente für eine Kanzlerkandidatur Steinbrücks vorzubringen hat.
Zunächst einmal überhaupt keines; stattdessen beginnt er, mögliche Machtkonstellationen für 2013 auszuarbeiten und trifft Vorhersagen für das Abschneiden der verschiedenen Parteien. Schließlich sind es ja nur noch mehr als zwei Jahre bis zur Bundestagswahl. Und weil es nicht einmal möglich ist, wenige Wochen vor so einer Wahl eine verlässliche Prognose für deren Ausgang zu treffen, kann man es genauso gut jetzt versuchen.
Die Schwäche von Schwarz-Gelb sei die Stärke der SPD, analysiert er messerscharf. Komisch nur, dass davon in den Umfragen nichts zu sehen ist: Da dümpeln die Sozialdemokraten irgendwo bei 27% – und die Tatsache, dass in den Medien andauernd über eine rot-grüne Neuauflage spekuliert wird, ist allein der Stärke der Grünen zu verdanken. Die lagen in so mancher Sonntagsfrage auch schon vor der SPD, während der Verfasser des Artikels mit der „realistischen Chance, 2013 den Kanzler zu stellen“ allen Ernstes die Sozialdemokraten meint. Er prognostiziert exakt, dass die Grünen zwischen 15 und 20 Prozent liegen werden. Woher er diese Genauigkeit nimmt, erfährt der Leser leider nicht.
Und damit zu den Personen.“ Die SPD hat ein „Führungstrio“? Das stimmt schlicht nicht. Die Klassifizierung vom Parteivorsitzenden Gabriel und Fraktionsvorsitzenden Steinmeier als Führungsduo könnte man ja akzeptieren, aber was soll Steinbrück in dieser Aufzählung?
Nachdem Steinmeier und Gabriel mit eher psychologischen als inhaltlichen Argumenten „aussortiert“ werden, bleibt Steinbrück in der Argumentationslinie des Artikels als einzig vernünftiger Kandidat übrig. Er sei „außerordentlich pragmatisch und lösungsorientiert“ und überdies „gebildet und ironisch“, behauptet der Autor. Das mag ja alles sein, aber wäre nicht in einem den journalistischen Grundsätzen genügenden Artikel eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit geboten? Anlässe dazu gäbe es reichlich, hier seien nur ein paar genannt:

  • sein politisches wie demokratisches (Wahlniederlage) Versagen als Finanzminister und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen
  • seine Amtszeit als Bundesfinanzminister, in der er verantwortlich war für
  • die Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 Prozent, nachdem die SPD im Wahlkampf die von der CDU geplante zweiprozentige Erhöhung als „Merkel-Steuer“ verunglimpft hatte
  • die „Förderung des Finanzplatzes Deutschland“, sprich die Deregulierung der Finanzmärkte, die die Finanzkrise in Deutschland (mit-)verursachte
  • die Einführung der Steueridentifikationsnummer, für die er auch den Big-Brother-Award erhielt
  • die vehemente Ablehnung des absolut notwendigen und richtigen Konjunkturprogramms in der Wirtschaftskrise (heute schmückt er sich mit diesen fremden Federn!)
  • die ernsthafte Forderung nach Zinserhöhungen mitten in der Krise zur Verhinderung der Inflation
  • die Verpulverung von Milliarden für die „Rettung“ staatlicher und privater Banken

Wie gesagt, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Genug Stoff also, um darüber nachzudenken, ob dieser Mann wirklich Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden sollte. Der Autor beschäftigt sich lieber damit, dass Steinbrück „immer noch irgendwie knackig“ im Vergleich zu Helmut Schmidt oder Angela Merkel wirke. Anschließend bemüht er einen Vergleich mit der Bundestagswahl 1998:

Im Angesicht des möglichen Sieges stellte die SPD 1998 alle Flügelkämpfe hintan und scharte sich um Gerhard Schröder. Auch dies trug ihn damals zum Sieg, Oskar Lafontaine später aus der Kurve.

Ausgerechnet die Bundestagswahl 1998 als Vorbild darzustellen, mag machtpolitisch vielleicht passend sein – obwohl ich auch das aufgrund der vollkommen anderen Situation zu bezweifeln wage -, bezogen auf die darauffolgenden Regierungsbeteiligungen, die zum Niedergang der SPD führten, verrät es aber doch einiges über die Überzeugungen des Autors. Ihm würde es vielleicht passen, wenn die SPD ein weiteres Mal einen Seeheimer und Angehörigen des rechten Parteiflügels zum Kandidaten küren würde – die echten Sozialdemokraten in dieser Gesellschaft würden sich indes gut überlegen, ob sie dieser SPD wirklich ihre Stimme geben wollen. 23% muss keine absolute Untergrenze für Bundestagswahlen darstellen…
Im letzten Abschnitt des Artikels offenbart Kister, wen er Steinbrück im großen Personenkarusell gerne als Vizekanzler zur Seite stellen würde: den Grünen Jürgen Trittin. Der habe „in den Pubertätsjahren der Grünen“ als Linker gegolten, schreibt er. Und übertrifft seine drollige Formulierung gleich selbst:

Das Fundi-Realo-Ding spielt heute bei den Grünen, zumal bei den vernünftigen Jüngeren, keine so große Rolle mehr.

Zu erklären wäre noch, wer „die vernünftigen Jüngeren“ bei den Grünen sind. Vermutlich meint er Leute wie Cem Özdemir, die mit ihren wirtschaftspolitischen Auffassungen genauso gut bei der FDP sein könnten.
Aber das ist nicht alles:

In gewissem Sinne apart wäre ein Spitzenduo Steinbrück/Trittin, weil dies die wohl letzte Regierung mit ausschließlich westdeutschen Wurzeln bei Kanzler und Vizekanzler wäre.

Schon gut, schon gut. Ich nehme alles zurück. Dieser geballten Ladung an argumentativer Scharfsinnigkeit kann auch ich mich nicht verschließen. Es mögen noch so viele sachliche Gründe gegen Steinbrück sprechen, dieses Argument überwiegt sie alle…
Steinbrück 4 chancellor!

Hilferuf

Sieh an, sieh an. Manchmal, wenn auch selten, werden auch bei Spiegel Online absolute Top-News unwichtig. Ehec („Alles spricht für die Sprossen-Theorie“), „Zorniger Zwischenruf: Lasst mich rein, ich kann Arzt“, „Traumjob Austronaut: Wie man unser Mann im All wird“, „Topmodel-Finale: Plastikgeschmack im Mund“, „In eigener Sache: Neu fernsehen mit SPIEGEL.TV“; all das wird plötzlich zur Nebensache, wenn die Nachricht die Runde macht:

Wie bitte? Unser Gutti? Der kann uns doch nicht einfach hier zurücklassen! Hilfe!
Was noch zu klären wäre
  • Ist es für immer?
  • Wenn nicht – wann kommt er zurück?
  • Wird er noch Kanzler?
  • Wer hat ihm die plagiierte Doktorarbeit untergejubelt?
  • Wann werden die Hetzer von der Opposition endlich bestraft?
  • und last but not least: Kommt Johannes B. Kerner mit?

„Frau Merkel war stets bemüht, ihre Aufgaben zu erfüllen.“
So könnte die zwischenzeitliche Bewertung des Projekts Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Atomausstieg lauten, das die schwarz-rote schwarz-gelbe Bundesregierung in diesen Tagen initiiert. Für diese Parteien ist der entstandene Kompromiss natürlich revolutionär; das heißt aber nicht, dass man ihn uneingeschränkt hochjubeln müsste. Außer natürlich für die Medien.

„Sieg des Merkelismus“, „Schwarz-Gelb-Rot bringt die Grünen in Not“, „Grüne im Ausstiegs-Dilemma“, „AKW-Gegner fürchten die Abschaltung“, glaubt Spiegel Online zu wissen. Die Klima- und Antiatomkanzlerin Angela Merkel macht das großartig, ist die Botschaft. Wenn es wenigstens „nur“ der Spiegel wäre, der es für vollkommen unrealistisch hält, dass man noch schneller als in 11 Jahren aus der Atomenergie aussteigen könnte, weil das mindestens 5237 Billionen Euro kosten würde. Nein, die Behauptung „Grüne in der Identitätskrise“ – wahlweise auch auf die Antiatomkraft- oder noch allgemeiner auf die Umweltbewegung bezogen – läuft auf allen Kanälen. Sie soll dem deutschen Medienkonsumenten das Faktum, dass Atomkraftgegner zynisch, besserwisserisch, immer dagegen, realitätsfern, irrational und dumm sind, so lange mit Gewalt ins Gedächtnis hämmern, bis er es auch tatsächlich für ein solches hält. Bei einem riesenhaften nationalen Konsens wie diesem, der vielen Medienvertretern gar nicht historisch genug sein konnte, ist kritisches Mitdenken schließlich reine Wahlkampftaktik, außerdem Haarspalterei und grundsätzlich zu verurteilen.
Immerhin hat Schwarz-Gelb schon insofern eingelenkt, als sie die 9 verbliebenen Kernkraftwerke nicht mehr alle auf einen Schlag 2021/22 abschalten wollen, sondern schrittweise. Trotzdem muss Kritik erlaubt sein:

  • Bei Angela Merkel sieht „schrittweise“ so aus, dass in den Jahren 2015, 2017 und 2019 jeweils ein Atomkraftwerk vom Netz geht, 2021/22 jedoch 6.
  • Der Atomausstieg muss einhergehen mit einem vernünftigen Energiekonzept für den Ausbau erneuerbarer Energien. Ein solches ist jedoch nicht erkennbar.
  • Der Anteil regenerativer Energien an der Stromversorgung muss bis zum Jahr 2020 mindestens auf 40% steigen statt auf die 35%, die von der schwarz-gelben Bundesregierung bereits im Zuge der Laufzeitverlängerung verkündet und jetzt nicht erhöht wurden.
  • Der große Vorteil der erneuerbaren Energien ist, dass sie dezentral sind. Die Bundesregierung kann oder will das nicht zur Kenntnis nehmen und setzt lieber auf große Offshorewindparks, Gas- und Kohlekraftwerke. Damit hat sie eine grundlegende Voraussetzung für die Energiewende nicht verstanden.
  • Die FDP verkauft es als großen Erfolg, dass sie eine sogenannte Kaltreserve bis 2013 durchgesetzt hat, um kurzfristige Leistungsengpässe auszugleichen. Dabei sind Kernkraftwerke dafür technisch gar nicht geeignet – sie brauchen 2 bis 3 Tage, um überhaupt hochgefahren zu werden.
  • Die Marktmacht der vier großen Stromkonzerne und Atomkraftbetreiber E.on, RWE, EnBW und Vattenfall bleibt ungebrochen. Diese haben zusammengenommen einen Anteil von 80% (!) am Strommarkt.
  • Der Atomausstieg könnte sehr viel schneller erfolgen – je nachdem, wen man fragt, bis 2014 (Die Linke), 2015 (Greenpeace; Olav Hohmeyer, Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen) oder 2017 (Die Grünen; Umweltbundesamt) stattfinden. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) und das Umweltbundesamt (UBA) sind übrigens beide dem Bundesumweltministerium unterstellt. Die Studie des UBA, die 2017 als realistisches Ausstiegsdatum feststellte, wurde bis vor kurzem von Umweltminister Norbert Röttgen zurückgehalten.
  • Selbst wenn man 2017 als Datum annimmt, könnte man den Atomausstieg somit um 5 Jahre verkürzen.
  • Nimmt man das absolut realistische Ausstiegsdatum 2015 als Grundlage, so lässt die Bundesregierung die Kernkraftwerke um 7 Jahre länger als nötig laufen.

Genug sachliche Kritik Haarspalterei also, die man anbringen könnte. Der Spiegel nimmt seine Funktion des kritischen Journalismus lieber wahr, indem er sinnvolles Grünen- und Atomkraftgegnerbashing betreibt. Es ist schwer nachvollziehbar, wie man so einen Schwachsinn verzapfen kann:

    Es sind allerdings nicht nur die Grünen, die jetzt ein Problem haben. Mit Sorge in die Zukunft blicken dürften auch ihre Verbündeten blicken, die ihre Existenzberechtigung vor allem aus dem Konflikt um die Kernkraft ziehen: die Umweltverbände. Greenpeace, Nabu, BUND und Co. können sich dank der schwarz-gelben Energiewende zwar ebenso als Sieger der Geschichte fühlen – aber ein bisschen überflüssig macht sie das auch.

    An diesem Absatz, der repräsentativ für den Artikel steht, ist wirklich jeder Satz unsinnig und falsch:

    • Die Grünen haben mit Sicherheit kein „Problem“ mit dem Ausstieg aus der Kernenergie. Höchstens eines mit großen Worten, auf die wenige Taten folgen.
    • Die Umweltverbände sind weder „die Verbündeten“ der Grünen, noch blicken sie „mit Sorge in die Zukunft“ und sie ziehen ihre „Existenzberichtigung“ auch nicht „vor allem aus dem Konflikt um die Kernkraft“, sondern haben ein sehr breit gefächertes Themenfeld. Dass sie sich im Moment aus aktuellem Anlass vor allem in der Debatte um die Atomenergie engagieren, ist ja wohl selbstverständlich.
    • Greenpeace, Nabu, BUND und Co.“ haben mit Sicherheit Besseres zu tun, als sich „als Sieger der Geschichte“ zu fühlen.
    • Die Umweltverbände wären vermutlich sehr glücklich, wenn sie in irgendeiner Weise überflüssig würden, weil es keine Umweltprobleme mehr auf der Erde gäbe. Leider ist das auf absehbare Zeit nicht zu erwarten.

    Ich empfehle euch, den ganzen Artikel zu lesen; er ist ein Musterbeispiel für antiökologische Propaganda. Und so etwas wird bei Spiegel Online nicht einmal als Kommentar, Meinung oder Kolumne gekennzeichnet; nein, es taucht als ganz normaler, pseudoobjektiver Artikel auf. Die Tatsache, dass dann drei solcher Beiträge auf einmal lanciert werden, die alle in dieselbe Richtung („Grüne in Not“) weisen und so dieselbe Botschaft („Merkel macht das toll, sachliche Kritik an ihrer Politik ist nur das Gemecker der üblichen Verdächtigen, die sich vor der Sinnkrise fürchten“) transportieren, macht schon etwas stutzig. Zwei dieser drei Artikel sind übrigens von den gleichen Autoren, der dritte Beitrag – der den „Sieg des Merkelismus“ beschwört – ist immerhin als Kommentar gekennzeichnet. (So etwas kann dann wohl selbst Spiegel Online nicht mehr als halbwegs neutral durchgehen lassen.)
    Wie gesagt, die hier aufgeführten Spiegel-Artikel stehen nur exemplarisch für alle Medien, weil Spiegel Online nun mal das größte deutsche Online-Nachrichtenportal ist. Oben genannte Botschaften habe ich in den letzten Tagen aber sehr oft und von allen möglichen Seiten gehört – sie werden einem so lange in das Gehirn eingraviert, bis man sie glaubt. Wie das im Übrigen bei vielen anderen Themen auch passiert.

    Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.

    Vorab – ich bin wirklich kein Fan von Margot Käßmann, der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, die im Februar 2010 von diesem Amt zurücktrat – nach einer Autofahrt, bei der sie unter Alkoholeinfluss gestanden hatte. Um ehrlich zu sein, ist sie mir relativ egal. Trotzdem verdient der argumentativ eher dürftige, aber mit subjektiven Ansichten über alle möglichen Themen gespickte Spiegel-Artikel über sie einen Kommentar.
    „Die Mut-Bürgerin“, lautet der Titel des Beitrags, und der unbedarfte Leser nimmt zunächst an, die Überschrift solle den Artikel repräsentieren oder zusammenfassen. Weit gefehlt – bei Spiegel Online verbirgt sich schon im Titel beißende Ironie.

    Margot Käßmann ist allgegenwärtig. Ihre Bücher sind Bestseller. Sie ist der Star des bevorstehenden Kirchentags. Was heißt das für die deutsche Politik?

    Man stutzt zwar kurz, warum Margot Käßmann „allgegenwärtig“ sein soll und was das mit „der deutschen Politik“ zu tun haben soll, aber liest dann weiter in der Erwartung, dass der Artikel schon eine Antwort auf diese Fragen bereithalten werde.

    Die Frage würde kommen, das wusste Margot Käßmann, es geht um das beherrschende Thema der vergangenen Tage, sie hat sich darauf vorbereitet. Käßmann sitzt im Untergeschoss des Berliner Kulturkaufhauses Dussmann, etwa 200 Leute drängeln sich um die kleine Bühne. Oben, wo eine Leinwand aufgebaut ist, sind es noch mal so viele.

    Käßmann hat gerade Passagen aus ihrem neuem Buch „Sehnsucht nach Leben“ gelesen. Es handelt von Frieden, Freiheit und dem Glauben an Engel. Das Publikum, vorwiegend Frauen aus der Generation 50 plus, hat aufmerksam zugehört. Ihr gehe es darum, Hoffnungsbilder zu malen, sagt Käßmann.

    Ein Journalist redet mit Käßmann über Sehnsüchte. Dann fragt er: „Frau Käßmann, was halten Sie von der Intervention des Westens in Libyen?“ Käßmann war einmal Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie trat vor gut einem Jahr nach einer Trunkenheitsfahrt zurück. Spätestens seitdem gilt sie als moralische Autorität in allen wichtigen Fragen, gerade solchen von Krieg und Frieden.

    Die sofort auffallende Widersprüchlichkeit in dem zeitlichen Zusammenhang, den der Autor hier zwischen der Trunkenheitsfahrt und der „moralischen Autorität“ konstruiert, ist selbstverständlich gewollt. Die Frage, wem die gute Frau als moralische Autorität gilt, bleibt dabei unbeantwortet. Dabei hat man immer eine Autorität gegenüber jemandem inne; und diese Formulierung klingt so, als gälte die Aussage für alle Deutschen. Dadurch wird erst einmal das angebliche Problem aufgebauscht, welches dann in den nächsten Absätzen gründlich seziert wird.

    Sie hat das Geschehen in Libyen in den vorangegangenen Wochen öfters kommentiert. Es ist ein Thema, für das sie sich zuständig fühlt. Ihre Antworten waren nicht immer ganz widerspruchsfrei, auch moralische Autoritäten sind zu einer gewissen Flexibilität fähig.

    Jetzt wird es abwertend. Als wäre es zu verurteilen, dass eine prominente Person, die kein öffentliches Amt innehat, das politische Geschehen kommentiert, wie es viele Intellektuelle auch regelmäßig tun… Die Phrase der „gewissen Flexibilität“ klingt schon für sich genommen sarkastisch, sie wird allerdings dadurch noch unpassender, dass die vom Redakteur gefundene Widersprüchlichkeit in ihren Aussagen nicht einmal existiert:

    Das erste Mal, als Käßmann sich äußerte, war der Bürgerkrieg bereits im Gange. Sie mochte sich nicht recht festlegen: „Wir brauchen mehr Phantasie für den Frieden, um ganz anders mit Konflikten umzugehen“, sagte sie. Das war eine sehr allgemeine Einschätzung, vielleicht etwas unterkomplex, aber sie würde auf alle denkbaren Entwicklungen passen.
    Dann setzte Oberst Muammar al-Gaddafi den Krieg gegen das eigene Volk ziemlich phantasielos fort, er versprach, Libyen „Haus für Haus zu säubern“, ein Massaker schien unmittelbar bevorzustehen. Käßmann hielt nun eine Flugverbotszone „eng begrenzt für richtig, weil man das freiheitsliebende Volk vor einem völlig irrsinnig gewordenen Diktator schützen muss“. Das schien eindeutig.
    Zeitgleich autorisierte der Uno-Sicherheitsrat den militärischen Einsatz gegen Gaddafi. Käßmanns Sympathie für eine Flugverbotszone verflüchtigte sich in dem Moment, als diese durchgesetzt wurde. In Libyen schossen Raketen durch die Luft, Panzer gingen in Flammen auf, Menschen starben. Das war gar nicht die friedliche Flugverbotszone, die Käßmann gemeint hatte. Das war Krieg.
    Nun sitzt sie bei Dussmann, der Journalist hat gefragt, sie muss wieder eine Position finden. Sie sagt: „Es scheint keine Begrenzung des Militärischen zu geben, das finde ich deprimierend.“

    Zuerst wird eine zugegebenermaßen sehr allgemeine und abstrakte Aussage, wie wir sie täglich von unseren Politikerinnen und Politikern hören, als „unterkomplex“ diffamiert (bezeichnet der Autor mit seinem überragenden Intellekt auch Angela Merkel als „unterkomplex“?), dann ist eine abwägende Aussage, die bei einem ethisch sehr komplexen Thema eine vorsichtige Einschätzung trifft, „eindeutig“, und schließlich ändern sich ihre Positionen genau dann, wenn sie in die Praxis umgesetzt werden, womit ihre Realitätsferne ja wohl unzweifelhaft belegt ist: „Sie muss wieder eine Position finden.“ Oder?
    Dabei liefert sich der Autor die Antworten auf seine quälenden Fragen eigentlich selbst: „In Libyen schossen Raketen durch die Luft, Panzer gingen in Flammen auf, Menschen starben. Das war gar nicht die friedliche Flugverbotszone, die Käßmann gemeint hatte. Das war Krieg.“ Der beißende Zynismus in diesen Sätzen ist unübersehbar, und dennoch müsste dem Redakteur selbst bekannt gewesen sein, dass eine Flug-Verbotszone eigentlich darauf ausgerichtet ist, (militärische) Flüge über dem betreffenden Gebiet zu verhindern – und nicht Luftangriffe zu fliegen und Zivilisten zu töten, wie es die Nato tut.

    Die Zuhörer in Berlin sind überzeugt, sie honorieren Käßmanns Ausführungen mit viel Beifall. Am Ende der Lesung gibt es eine lange Schlange von Menschen, die ihr Buch von der Autorin signieren lassen wollen. Offenbar ist niemandem bewusst, welche Positionen Käßmann in dieser Sache schon vertreten hat, oder es stört zumindest niemanden. Für ihre Fans passt immer, was sie gerade sagt.
    Margot Käßmann gehört zu den erstaunlichsten Figuren des öffentlichen Lebens in Deutschland. Sie elektrisiert die Menschen, egal ob sie gerade für eine Flugverbotszone ist oder dagegen. Zwei ihrer Bücher sind unter den Top 20 der SPIEGEL-Bestsellerliste, eines davon schon seit 81 Wochen. Sie ist regelmäßig im Fernsehen zu sehen, vor gut zwei Wochen hat sie zum ersten Mal eine Talkshow moderiert. Es ist oft schwierig, für ihre Veranstaltungen noch ein Ticket zu bekommen.

    Tja, ihre „Fans“ (überhaupt ein eher unangemessener Begriff) müssen schon extrem dumm sein, wenn sie die eklatanten Widersprüche in Käßmanns Aussagen nicht sehen. Und es ist schon sehr bemerkenswert, dass Menschen bei eine Lesung applaudieren und sich nachher sogar noch Bücher signieren lassen. Die Argumente werden immer besser.

    Die Bürger vertrauen Käßmann. Bei einer SPIEGEL-Umfrage nach moralischen Instanzen in Deutschland landete sie vor Günter Grass und Jürgen Habermas – allerdings hinter Karl-Theodor zu Guttenberg. Da war noch keine Rede von dessen Doktorarbeit.

    Es ist ja lobenswert, dass der Spiegel eine Zweitverwertung für seine wertvollen Umfragen sucht, aber in der genannten Befragung landete Käßmann auf Platz 9 – hinter moralischen Autoritäten wie Horst Köhler, Ursula von der Leyen oder Günter Jauch. Wow.

    Käßmann weiß, was die Leser von ihr erwarten, und sie liefert. Mehr als 50 Bücher hat sie geschrieben, sie heißen „Meine Füße auf weitem Raum“ oder „Was im Leben trägt“. Es sind Bücher, die immer die gleiche Botschaft haben: Fehlschläge sind normal, du darfst nicht verzweifeln. Die Bücher sind aus Fertigbauteilen zusammengesetzt wie ein Ikea-Regal. Und genauso erfolgreich.

    Ich gehe nicht davon aus, dass der Autor alle diese Bücher gelesen hat. Das muss er ja auch nicht – aber dann sollte er sich vielleicht auch nicht unbedingt ein so vernichtendes Urteil anmaßen. Die Metapher mit dem Ikea-Regal ist ja sehr kreativ, wie lange hat er wohl dafür gebraucht?

    In der Ovalhalle im Wiener Museumsquartier haben sich die Mutigen versammelt. Sie tragen gelbe T-Shirts oder Schals mit dem Aufdruck „Mut tut gut.“ Die T-Shirts kosten zehn Euro, die Schals die Hälfte. Die Veranstaltung ist Teil der Evangelischen Woche, sie steht unter dem Motto: „Wo Mut Gutes tut“.

    Als Expertin in Sachen Mut ist Margot Käßmann eingeladen. Käßmann ist ganz in Schwarz gekleidet, schwarze Schuhe, schwarzer Rock, schwarzes T-Shirt und ein silbernes Kreuz um den Hals. Was sie für die Expertenrolle prädestiniert, erklärt die Moderatorin vom Österreichischen Rundfunk (ORF): „Frau Käßmann ist hier“, sagt sie, „weil sich der Mut als Leitmotiv durch ihr Leben zieht.“

    Während man sich noch fragt, was damit wohl gemeint sei, zählt die Frau vom ORF all die Missstände auf, gegen die Mutige wie Frau Käßmann kämpfen: die Ausbeutung von Arbeitskräften, Kriegsbereitschaft, die größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, ökologische Katastrophen. „Was davon“, so fragt sie den Gast, „erfordert mehr Mut?“
    Das ist eine schwierige Frage. Ist es mutiger, sich gegen ökologische Katastrophen auszusprechen oder gegen Kriegsbereitschaft? Käßmanns Mut-Thema ist der Krieg in Afghanistan. „Nichts ist gut in Afghanistan“, hat sie vor anderthalb Jahren in einer Predigt gesagt, eine ziemlich plakative Aussage, die für viel Aufregung gesorgt hat. Nicht alle fanden sie gut. Ein paar Politiker haben sich aufgeregt, weil sie fanden, Käßmann hätte sich die Situation vor Ort zumindest angucken können. Es gab auch einige Leitartikler, die Käßmanns Analyse dürftig fanden.
    In der Wahrnehmung der Käßmann-Verehrer wurde daraus die Geschichte von der mutigen Bischöfin. Hatte sie sich nicht mit dem Establishment angelegt und eine Position bezogen, für die sie dann kräftig Prügel bezog?
    In Wirklichkeit war die Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite. Wie viel Mut erfordert es, gegen einen Krieg zu sein, den die meisten nicht wollen? Selbst der Verteidigungsminister lobte, Käßmann habe eine wichtige Debatte angestoßen. Trotzdem klagte sie: „Es hat mich sehr verletzt, dass ich so angegriffen wurde.“ Die angeblich so heftigen Angriffe dienen als Ausweis des eigenen Mutes.

    Das Verständnis, das der Autor von Mut hat, ist etwas verquer. Ist man etwa nur dann mutig, wenn man nicht die Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite hat oder wenn man „das Establishment“ mit allen Mitteln bekämpft? Ist man nur mutig, wenn man von wichtigen Personen angegriffen wird?
    Natürlich ist die Aussage, nichts sei gut in Afghanistan, plakativ. Andererseits – wenn es sich um eine Predigt handelte, ist das dann wirklich der richtige Ort, um ultrarationale, messerscharfe Analysen zu treffen?

    Ihren Kritikern, zumal denen aus der Politik, traut Käßmann alles zu. Deutschland hat sich im Uno-Sicherheitsrat in der Libyen-Frage enthalten? Das könnte man als Ausdruck des Zweifels an der Militäraktion deuten. Käßmann hat eine andere Interpretation: „War hier nicht eher ausschlaggebend, dass die Öllieferungen stabil bleiben?“, fragt sie. Wie die Enthaltung mit stabilen Öllieferungen zusammenhängt, ist nicht ganz klar. Klar ist lediglich, dass die Bundesregierung irgendwelche dunklen Motive zu haben scheint.

    Nein, es ist überhaupt nicht klar, was Beschlüsse des Uno-Sicherheitsrates mit Öllieferungen zu tun haben. Es ist überhaupt nicht klar, wie Nato-Militäreinsätze mit natürlichen Ressourcen zusammenhängen. Klar ist lediglich, dass der Weihnachtsmann die Geschenke bringt. Meine Güte, wie naiv kann man eigentlich sein?

    Es ist keine Kleinigkeit, wenn Käßmann der Politik unlautere Absichten unterstellt. Sie ist für viele ein Vorbild, sie gilt als ehrlich und glaubwürdig. Was sie sagt, hat Gewicht. Sie ist die prominenteste Vertreterin der evangelischen Kirche, auch ohne hervorgehobenes Amt. Sie hat eine Verantwortung, als öffentliche Person und als Christin.
    Mit dieser Verantwortung geht sie fahrlässig um. In Käßmanns Welt lassen sich komplexe politische Themen auf einen Satz bringen: Nichts ist gut in Afghanistan. Das stimmt nicht, in Afghanistan hat sich vieles verbessert, die Situation der Frauen zum Beispiel. Aber Käßmanns Satz ist einprägsam, deshalb erreicht er die Menschen.

    Und das Gerede von der Situation der Frauen in Afghanistan ist nicht weniger einprägsam, wenn der Autor es ein weiteres Mal wiederholt. Das macht es zwar nicht sinnvoller, aber was solls.

    Das politische Weltbild, das Käßmann vermittelt, beruht auf einer klaren moralischen Zweiteilung. Es gibt nur Gut und Böse. Man muss sich zwischen beiden Seiten entscheiden.
    Aber so einfach ist die Wirklichkeit nicht. Wird der Westen eher schuldig, wenn er libysche Soldaten umbringt oder wenn er ein mögliches Massaker dieser Soldaten an der Zivilbevölkerung zulässt? Das ist ein moralisches Dilemma, auf das es keine einfache Antwort gibt. Käßmann tut so, als hätte sie eine.
    Sie erhebt sich damit über die Politiker, die Kompromisse finden müssen und keine einfachen Antworten geben können. Sie nimmt für sich in Anspruch, mutig zu sein. Die Politiker erscheinen daneben kleinmütig.
    Durch ihre vereinfachende, moralisierende Art verstärkt sie die Ressentiments, die es ohnehin gegen die Politik gibt. Das sichert ihr Aufmerksamkeit, aber für das politische Klima im Land ist es nicht gut.

    Während Frau Käßmann noch moralisiert, ist die Spiegel-Redaktion bereits im Besitz der objektiven und absoluten Wahrheit, die da lautet: Gaddafi ist böse, und die Nato wird alles richten.

    Quod erat demonstrandum.